„Friedvolle Elternschaft funktioniert nur mit ganz viel Liebe.“ LÜGE!!

„Wenn du nicht friedvoll mit deinem Kind umgehen kannst, liebst du es wohl nicht genug.“ LÜGE!!

„Es tut mir leid, ich mach das doch nur, weil ich dich so liebe.“ LÜGE!!

Ich habe darüber schon geschrieben, aber ich möchte noch einmal zusammenfassen, warum ich glaube, dass es sehr, sehr gefährlich ist, friedvolle Elternschaft und Liebe gleichzusetzen.

 

 

Dieser Artikel ist der Anfang einer Serie, in der es um all die Lügen gehen wird, die wir uns über Attachment Parenting, friedvolle Elternschaft, unerzogen und über Bedürfnisorientierung erzählen.

Ich habe 2016 angefangen zu bloggen und stehe seitdem in der Öffentlichkeit mit meinen Gedanken über friedvolle Elternschaft. Meiner hoffnungsvollen Beobachtung nach, bewegen wir uns – langsam, aber sicher – weg von diesem oberflächlichen „Dann lernen die Kinder ja niemals…“ und der Idee, Gehorsam sei etwas Gutes, wenn wir von Konsequenzen statt von Strafen sprechen.

Es ist Zeit für tiefere Diskussionen!

Es geht hier also in den nächsten Wochen um Lügen und Dinge, die sich in meiner Praxis als Falschannahmen erwiesen haben.

Liebe ist konditioniert

Es fängt damit an, dass ich ein Problem mit dem Begriff Liebe habe – ganz generell. Ich glaube nicht, dass Liebe ein Gefühl ist oder etwas, was wir als Eltern einfach fühlen müssen und dann ist alles richtig. Vielmehr glaube ich, dass Liebe konditioniert ist. Wir haben irgendwann gelernt, wie Verhalten aussieht, dass wir als Liebe interpretieren. Unabhängig davon, ob uns das gut getan hat oder nicht. Das ist übrigens nicht nur meine persönliche Annahme, es gibt auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass Menschen, die beispielsweise in Beziehungen gewalttätig werden, irgendwann gelernt haben, dass Liebe und Gewalt zusammen gehören. Das ist ein Problem.

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Sprachen der Liebe

Wenn wir Liebe als Aktion verstehen, als etwas, das wir fühlbar machen können, sind nicht wir diejenigen, die bestimmen, ob etwas Liebe ist, sondern diejenigen, die unsere Liebe empfangen sollen. Wenn es also darum geht, liebevoll zu unseren Kindern zu sein, können nicht wir sagen, eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen ist Liebe, sondern unsere Kinder merken, ob sich die Gute-Nacht-Geschichte nach Liebe anfühlt oder ob sich die Erlaubnis im Bett am Handy zu daddeln viel liebvoller anfühlt.

Etwas kann wahnsinnig liebevoll gemeint sein, aber nicht als Liebe ankommen. Wir haben auch dafür wunderbare kommunikationstheoretische Ideen und ein in die Popularwissenschaft übergeschwapptes Konzept davon ist die Idee, das es unterschiedliche kommunikationstheoretische Inhalte gibt, die wir als Liebe übersetzen oder – um es ein bisschen weniger kompliziert auszudrücken – etwas, was wir als Sprachen der Liebe kennen. Da gibt es das berühmte Buch „Die fünf Sprachen der Liebe“. Das Buch ist wenig unerzogen und eine Zusammenfassung zu lesen, reicht meiner Meinung nach völlig aus. Außerdem glaube ich nicht daran, dass es genau fünf Sprachen der Liebe gibt, ich gehe vielmehr davon aus, dass es individuelle Dinge gibt, die sich für uns nach Liebe anfühlen, weil sie unserem Charakter entsprechen. Einfach, weil wir so geboren wurden, dass wir bestimmte Dinge als liebevoll empfinden und andere nicht.

Es gibt Menschen, die zum Beispiel Körperkontakt als enorm liebevoll und kuschelig und toll empfinden und andere nicht. Zu letzteren gehöre ich, ich mag keinen Körperkontakt, auch wenn ich die Person sehr liebe. Manchmal mag ich den schon, aber es ist grundsätzlich nichts, wodurch ich mich wahnsinnig geliebt und gesehen fühle. Mindestens eines meiner Kinder empfindet deutlich anders.

Liebe und friedvolle Elternschaft

Wenn wir über Liebe diskutieren, verfehlen wir um Meilen den Punkt, um den es geht, wenn es um die Begleitung von Kindern geht. Wir glauben, es geht um unser Gefühl und nicht um das, was ankommt. Wir verwechseln unser Gefühl mit dem, was wir mal gelernt haben, wie Liebe auszusehen hat, als Aufopferung, als Gewalt, als Dinge, die hochtraumatisierend und furchtbar für alle Beteiligten sein können.

Ich glaube, dass diese Liebesdiskussion uns unglaublich schadet. Und sie ist ganz besonders schädlich für Eltern, die sich darum bemühen, sich friedvoll zu verhalten. Denn wir werden feststellen, dass wir nicht immer Liebe empfinden, dass wir nicht immer liebevoll handeln.

Können wir nur friedvoll sein, wenn wir Liebe empfinden?

Wenn Liebe ein Gefühl ist – was es entschieden nicht ist -, aber wenn wir Liebe in dieser populärkulturellen Idee halten und sie als Gefühl definieren, dann lieben wir unsere Kinder nicht immer. Und wenn liebevolles Miteinander friedvolles Miteinander ist, bedeutet das, wir können nur friedvoll sein, wenn wir lieben. Das heißt, wir können nur friedvoll sein, wenn wir unser Kind ansehen, eine starke, körperliche Reaktionen fühlen und denken: „Oh mein Gott, mein liebes Kind, ich liebe dich so sehr!!“

Das ist Schwachsinn. Das ist gefährlich. Und es macht unglaublich viel Druck auf Eltern.

Wir können an einem Ideal, das liebevolle Gefühle mit friedvoller Elternschaft gleichsetzt, nur scheitern.

Ich persönlich möchte doch bitte auch ein friedvoller Elternteil sein, wenn …

  • ich schlecht drauf bin.
  • mein Kind mich nervt.
  • ich meine Ruhe haben will.
  • ich keinen Bock hab, um mein Kind herum zu sein.
  • ich müde bin.
  • ich allein sein möchte.
  • ich all die menschlichen Gefühle habe, die ein Mensch hat, weil er oder sie Mensch ist.

Diese Idee von friedvoller Elternschaft ist Entmenschlichung.

Friedvolle Elternschaft braucht keine Liebe

Eine eine andere Diskussion ist es, wenn unser Liebesbegriff ein kommunikationstheoretischer ist, also etwas, was wir tun mit dem Ziel, dass es bei einer anderen Person als Liebe ankommt. Ich glaube, das ist deckungsgleich mit friedvoller Elternschaft.

Friedvolle Elternschaft sind konkrete Handlungen, unabhängig davon, wie liebevoll wir uns an dem Tag fühlen.

Friedvolle Elternschaft ist, ein kleines bisschen besser zu handeln, als wir das gelernt haben oder als wir das bisher gemacht haben. Ein kleines bisschen.

Friedvolle Elternschaft ist eine Praxis. Von mir aus eine Praxis der Liebe, wenn wir Liebe, als etwas definieren, was bei unserem Kind als Sicherheit und Geborgenheit ankommen soll. Woran wir btw immer wieder scheitern werden, wir werden das niemals perfekt ausführen.

Es ist eine Praxis des nächsten kleinen Schritts, was nicht besonders harmonisch sein muss und sich definitiv nicht immer toll anfühlt. Ich sag meinen Weggefährt*innen immer:

Friedvolle Elternschaft ist einfach, wenn wir gut drauf sind und unser Kind gerade super toll finden. Sie wird dann schwierig, wenn uns etwas herausfordert.

Wenn unsere alten Themen aufkommen, wenn die Unsicherheit in uns kriecht, wenn die Stimme unseres Umfeldes laut genug wird oder der Druck aus der Schule, dann wird es spannend, dann wird es interessant, dann wird unsere friedvolle Handlung auf den Prüfstand gestellt. Aber nicht, wenn wir gerade super liebevoll verbunden und easypeasy drauf sind.

Meine Arbeit wäre überhaupt nicht nötig, wenn wir immer alle bester Laune wären, aber wir sind Menschen mit allen menschlichen Empfindungen.

Das bedeutet, friedvolle Elternschaft ist vor allem die Praxis im Umgang mit den unangenehmen Gefühlen, also mit dem, was weit weg von dem liegt, was wir kulturell als Liebe definiert haben. Was in der Wut, in der Angst, in der Unsicherheit, in der Hilflosigkeit liegt, das ist die Praxis friedvoller Elternschaft und nicht, dass uns Regenbögen aus dem Arsch kommen.

Die Praxis friedvoller Elternschaft ist, dass…

  • wir unser Kind packen und gegen die scheiß Wand knallen wollen und es irgendwie schaffen, ein kleines bisschen besser zu reagieren.
  • wir es schaffen, uns selbst einzufangen in Momenten der Wut.
  • wir es schaffen, uns klarzumachen, dass das gerade eine alte Verletzung ist, die zu uns spricht.
  • wir es schaffen, gegen ein Kissen zu boxen, anstatt dem Kind eine reinzuhauen.

Friedvolle Elternschaft ist nicht sexy, sie ist nicht schön, sie ist nicht immer gut gelaunt. Da, wo die wirkliche Arbeit stattfindet, ist es oft hässlich und unperfekt.

Und das ist das Beste, was wir gerade tun können! Und deswegen müssen wir aufhören zu sagen: Hauptsache, wir lieben unsere Kinder. Wir müssen aufhören, zu glauben, friedvolle Elternschaft sei liebevoll und zart und schickimicki.

Friedvolle Elternschaft ist eine Praxis, auf die ich mich verlassen kann, weil ich sie geübt habe, unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht ich drauf bin. Sie ist eine konkrete Praxis. Sie ist

  • ein Lernen von Kommunikation.
  • ein Lernen vom Umgang mit unterschiedlichen jungen Menschen, die ich begleite.
  • ein Lernen vom Umgang mit mir, mit meinen Emotionen, mit meiner Geschichte.
  • eine Praxis der Annahme.

Das ist kein schöner Prozess, sondern ist dann besonders herausfordernd, wenn es unangenehm ist und weit, weit weg von Liebe. Lassen wir die Liebe da raus!

Wir brauchen uns nicht auf die Liebe verlassen, sondern wir achten darauf, dass wir Handlungen und Kommunikation so gestalten, dass sie unseren ethischen Ansprüchen entspricht, weil das am ehesten das ist, was als Liebe ankommt.

 

So. Das war die erste Lüge.

Bitte schreib mir deine Fragen, Anmerkungen und Kritik gerne in die Kommentare. Wie geht es dir mit dem Artikel? Wie definierst du Liebe? Erzähl mir auch gerne, wenn dir noch eine Lüge einfällt, die wir hier unbedingt mit aufnehmen sollen.