Hier ist der Beitrag zum Anhören:

 

Moin! Wir reden heute mal über das Loben. Ich werde nämlich sehr oft angeschrieben und gefragt “Du Ruth, ich hab gehört, ich soll nicht loben. Was soll denn das?” Und das ist eine sehr verkürzte Darstellung des Problemes. Denn Loben und die Frage nach Loben ist eine Variante des erzieherischen Paradoxons und weist darauf hin, wie sinnlos Erziehung ist. Deswegen, auf vielfache Anfrage, hier mal meine Gedanken zum Thema.

 

Ich möchte hier einmal ausführen, was das Problem von Loben im klassischen Sinne ist. Ich will auch ausführen, warum ich nichts davon halte, einfach andere Worte zu benutzen, sondern warum wir uns grundsätzlich fragen müssen “mit welcher Haltung begegne ich hier meinem Kind?”. Am Ende will ich noch ein bisschen was zu Alternativen zum Loben sagen. Legen wir los.

Lob ist Manipulation

Erstmal müssen wir verstehen, dass Loben eine Form der Manipulation ist. Jap. I know. Harte Kost. Loben im klassischen Sinne (zu “schön gemalt” kommen wir später) ist nicht dafür da, um Freude zu teilen oder Mut zu bewundern, Loben ist Manipulation. Manipulation ist nämlich sogenannte “verdeckte Kommunikation”, um etwas zu erreichen. Ihr Ziel ist nicht Verbindung, sondern dass das Kind sich ändert. Dass es mutiger, lauter, kreativer und fröhlicher wird. In der Hinsicht unterscheidet sich Lob keineswegs von Strafe. Oder von anderen Manipulationen (“Gib dem Kind die Wahl dabei aus welchem Becher es trinkt, aber nicht DASS es trinkt.”). Je kleiner ein Kind ist, desto leichter ist es (wegen unserer Macht) das Kind auf unterschiedlichen Ebenen zu manipulieren.

 

Das Loben nutzt für die Manipulation eines unserer wichtigsten Bedürfnisse: Das nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Dieses Bedürfnis wird erfüllt, wenn das Kind bestimmtes Verhalten zeigt – genau so wie Strafen die Bedürfniserfüllung entziehen, wenn das Kind anderes Verhalten zeigt, was es nicht zeigen soll. Loben ist also grundsätzlich eine Form der “verdeckten Kommunikation” (Der Begriff kommt aus der Diskursethik, hier ein guter Überblick dazu). Ich sage etwas, aber ich meine etwas anderes. Und das ist eine wichtige Grunddefinition. Denn wenn Eltern mich anschreiben und mir sagen “Du, ich weiss ja nicht – soll ich mich nun nicht mehr freuen, wenn mein Kind was Tolles macht?!”, dann ist das die falsche Frage. Die Frage ist vielmehr: Handelt es sich um verdeckte Kommunikation?

 

Sagst du “Boaaaah, das ist ja toll wie du den Hund gestreichelt hast” – nicht weil du dich freust, sondern weil das Kind mal den Hund nicht gekniffen hat, wie es das sonst gerne tut? Und du das neue Verhalten verstärken willst? Dann, I hate to break it to you, ist das Manipulation. Denn du hast eine Erwartung, die du nicht kommunizierst – das Kind soll in Zukunft mehr von dem Verhalten zeigen, was du gut findest.

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Das erstmal so zum Abchecken für dich: Was MEINT Loben hier eigentlich? Denn einfach mal sagen “Das finde ich cool, dass du den Hund nicht haust.” ist überhaupt nicht das Ding. Das Problem ist die verdeckte Botschaft. (Es ist übrigens sau interessant, dass auch Erziehungsblogs das Thema aufgreifen. Denn das Problem mit der verdeckten Manipulation ist da nun ein erzieherisches, keines was nur dem Loben als Problem anhängt.)

 

Loben – wo ist das Problem?

Das eine Problem ist die Objektivierung. Wenn ich jemanden manipuliere, ist das eine Form der Gewalt. Und Gewalt hat immer das Problem, dass es nicht mehr darum geht dem Gegenüber als Menschen zu begegnen, es geht um das Ziel. Das Gegenüber verliert seine Würde als Mensch, als Subjekt, als Mensch mit Recht auf eine gleichwürdige Auseinandersetzung. Ich stelle den Output, das Ziel meiner Handlung über die Werte, die meine Handlung bestimmen.

 

Im konkreten Fall: Ich sage zu dem Kind, dass ich toll finde, wie es den Hund streichelt und verletze damit den Wert der Authentizität und echter Begegnung mit dem Ziel, dass das Kind dann den Hund mehr streichelt (und weniger haut). Das ist by the way eine stark utilitaristische Ethik, die sich da zeigt: Der Zweck soll die Mittel heiligen. Solange das Kind den Hund nicht haut, ist alles ok.

 

Und das ist Objektivierung. Das Kind ist kein Mensch mehr, sondern es wird zu etwas zu Formenden. Die tiefste Natur aller Gewalt ist die Depersonalisierung des Gegenübers: Da ist kein ganzer Mensch mehr, nur ein zu formendes Objekt. Das erste Problem mit Lob ist also: Ich nehme dem Gegenüber die Würde.

 

Wenn du gerade denkst “Joa Ruth, du übertreibst aber gerade echt mal.” – überleg mal wie sich das für dich angefühlt hat als Kind, gelobt zu werden mit klarem manipulatorischem Hintergrund. Vielleicht hast du das auch später noch erlebt; typische Orte für Loben und belohnendes Verhalten sind Schulen und Ausbildungsstätten.

 

Hast du mal ein Lob für etwas bekommen, was total einfach war und gar kein Problem? Oder hast du mal irgendwas gemacht, damit dir jemand anderes eine gute Note gibt? Kinder sind zwar klarer darin, wer sie sind und was sie brauchen, aber auch Erwachsene fühlen, wie schal und unangenehm ein Lob, eine Bewertung aus rein manipulatorischen Gründen ist. Wir fühlen den Schmerz darüber, dass wir nicht gesehen werden, sondern nur objektiviert.

 

Außerdem: Immer wenn ich jemanden in irgendeiner Form formen will (bestärken für mehr Selbstbewusstsein, bessere Noten, whatever), sage ich gleichzeitig  – so wie du bist, bist du nicht gut. Wenn ich will, dass mein Kind netter zum Hund ist, sage ich gleichzeitig, dass es jetzt gerade nicht okay ist. Das ist ausgesprochen und aufs Verhalten bezogen übrigens total okay “Hund hauen ist doof!” ist ne klare Aussage. Aber, wir erinnern uns, Loben ist verdeckt. Sprich, es bleibt unausgesprochen, was genau ich eigentlich anders haben will.

 

Ein kleines Kind muss daraus schliessen, dass es selber das Problem ist. Denn das ist, was kleine Kinder tun: Sich zum Problem erklären, wenn sie spüren, dass etwas nicht okay ist.

 

Das zweite Problem mit dem Loben ist: Es funktioniert nicht. Also, selbst wenn wir der utilitaristischen Logik folgen würden und sagen “egal, Hauptsache es funktioniert am Ende”, würde es das nicht tun. (By the way ist das nicht immer falsch. Wenn das Kind auf die Straße rennt und es kommt ein Auto, würde ich definitiv utilitaristischer Ethik folgen – egal mit welchen Mitteln, Hauptsache das Kind kommt von der Straße. Aber darum geht es ja hier nicht).

 

Kurzfristig kann Lob und Belohnung durchaus bei manchen Kindern ein bisschen was erreichen. Das ist schonmal ziemlich mickrig, wie ich finde, für den Preis der Würde des Kindes. Manche Kindercharaktere sind aber auch von vorneherein so gestrickt, dass sie da nicht mitmachen (sehr hilfreich, wenn man mich fragt). Aber gut, manche Kinder die malen vielleicht mehr, weil ich das so kreativ finde. Manche streicheln vielleicht mehr den Hund, statt ihn zu hauen. Manche strengen sich vielleicht an, damit sie bessere Noten haben. Weil ich gelobt habe.

 

Aber.

 

Das Kind tut es nicht, weil es das verstanden hat. Weil es Lust hat. Weil es das selber will. Sondern weil ich daran die Erfüllung des Bedürfnisses nach Wertschätzung und Anerkennung geknüpft habe. Das Kind tut das, damit es sich geliebt und gesehen fühlt. Das Kind tut das, weil es gelernt hat, dass dann die Bedürfnisse erfüllt werden.

 

Was für einen Schaden das für den Rest des Lebens anrichten kann, das Lied kann uns jede*r Erwachsene singen, der*die je damit konfrontiert war. Jede*r mit nem ordentlichen Burnout in der Biographie weiß, was ich meine. Das Gefühl, dass ich ständig leisten muss, tun muss, Anerkennung bekommen – sei es über Geld oder Status – und dann bin ich geliebt und wichtig und gut… Das Gefühl ist unfassbar gefährlich mitzunehmen aus der eigenen Kindheit.

 

Und es entwertet die Sache selbst. Wenn das Kind den Hund streichelt, damit ich sage “oooh, du bist so toll”, dann hat das Kind nicht verstanden, dass hauen dem Hund wehtut und der Hund ein Lebenwesen ist, dem es respektvoll gegenüber treten sollte. Um das zu lernen, braucht ein Kind Übung und Empathiefähigkeit und soziale Entwicklung. Und das dauert na klar viel länger, als es zu konditionieren mit Lob. Aber wenn es das wirklich lernen darf, kann es auch begreifen, dass es nicht in Ordnung ist, mit jemandem so umzugehen. Wenn das Kind das aber nur tut, damit ich es lobe, ist das nicht besonders nachhaltig. Wenn ich gerade nicht da bin, wenn das Kind gerade nicht seine Bedürfnisse über Lob erfüllen will o.ä., dann sieht es ja keinen Grund mehr, den Hund nicht zu hauen.

 

Die Logik ist die gleiche wie beim Strafen: Beides geht nur solange ich diese wahnsinnige Macht über das Kind habe. Und die eigentliche Botschaft, das, was ich eigentlich sagen will, das verblasst. Denn eigentlich will ich ja eine Rückmeldung geben, etwas von mir erzählen, mich verbinden, etwas kritisieren. Und wenn ich das unter Lob verstecke, entwerte ich mein Anliegen. Wie schade.

 

Wir alle kennen dieses Ding mit Kindern und Mathe. Dass alle Mathe hassen, weil “Mathe ist halt doof”. Dabei ist Mathematik einfach nur eine Art die Welt zu verstehen. Was Mathe hassenswert macht, ist die Bewertung. Sie unterhöhlt komplett das Anliegen. Kein Kind versteht, wofür es das braucht oder warum es das tut – außer eben für die Note. Und das macht Mathe zum Hassfach, nicht das rechnen selbst (man tausche Mathe mit jedem anderen Schulfach, falls du zu den wenigen Liebhaber*innen von Mathe gehörst”).

 

Genau wie Strafe macht Lob die Sache selber zunichte, dazu gibt es tatsächlich schöne Untersuchungen. Beides lenkt den Fokus vom Sinn der Sache hin zu der Beziehung, die als Drohung über dem Verhalten hängt. Das sind die Hauptgründe gegen das Loben:

  1. Einen Menschen ernst nehmen als Gegenüber und Loben schließen sich aus.
  2. Die Sache selbst ist zu wichtig, um sie durch Lob zu entwerten.

 

Aber was tun wir stattdessen?

 

Alternativen zum Loben

 

An der Stelle kommen immer ne Menge Leute um die Ecke und reden von Gewaltfreier Kommunikation oder geben andere Formulierungshilfe. Instagram ist voll davon. Sowas wie “ich sehe dich” statt “hast du gut gemacht”. Und… Ich weiss ja nicht. Also, versteh mich nicht falsch, ich finde das schon manchmal hilfreich. Ich selber habe ne Zeit lang echt streng darauf geachtet, dass ich aufhöre “Entschuldigung” zu sagen. Weil ich das im Kopf mit “Schuld” verknüpft hatte.

 

Aber ich wäre sehr vorsichtig damit, das eine mit dem anderen zu ersetzen ohne darauf zu achten, mit welcher Haltung ich das tue.

 

Wenn ich sage “boah, geil, ich find das mega, dass du das gemacht hast, ich freu mich voll!” dann mag das nicht GfKmässig 5 Sterne bekommen, aber wenn du das so fühlst, dann ist das echt. Dann isses deine Sprache. Und wenn du keine Agenda dabei hast, ist doch alles fein. Genau so kannst du dir Mühe geben, alles ganz perfekt zu formulieren und dahinter steckt eine Erwartung, eine Objektivierung. Das ist die Gefahr von Wortvorgaben. Häng dich nicht daran auf. Klar, benutze gern mal eine neue Formulierung, wenn du merkst, du kommst aus “ach, das hast du fein gemacht” nicht raus. Das hab ich ja auch gebraucht, um vom Wort “Entschuldigung” (und vor allem dessen Bedeutung!) wegzukommen. Ich hab eine Zeit lang versucht, andere Ausdrücke zu nutzen und mehr darüber zu erzählen, was mir leid tut und warum. Und das kannst du dir gerne mitnehmen – statt Floskeln von dir erzählen. Was freut dich gerade? Warum? Du kannst feststellen “puh, davor hattest du ganz schön Angst, oder?” oder Fragen stellen. Aber bleib nicht am Wortlaut hängen.

 

Denn am Ende ist es wie bei allem in der Kommunikation: Die Frage ist, aus welcher Haltung heraus wir unseren Mitmenschen begegnen.

 

Was sind deine Gedanken zum Loben? Findest du das auch so schwierig oder fällt es dir leicht? Ich freu mich auf deine Gedanken unter dem Artikel.