Heute geht es um gewaltfreie Kommunikation mit Kindern.

Die gewaltfreie Kommunikation ist die Grundlage meiner Arbeit und sie hat mir unglaubliche Hilfe geleistet, speziell darin, meine Bedürfnisse und meine Gefühle zu benennen und zu fühlen und sie überhaupt in den Mittelpunkt einer Kommunikation zu stellen. Ich habe gelernt, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass andere automatisch wissen, was ich meine, und dass nicht die Sachlage mein Problem ist, sondern die dahinterstehenden Bedürfnisse und Gefühle. Das hat mir eine ganze Welt eröffnet.

Trotzdem sehe ich Kritikpunkte!

 

Die Grundannahmen, dass jede menschliche Interaktion und jede menschliche Handlung ein Versuch ist, Bedürfnisse zu erfüllen, ist einer der wichtigsten Pfeiler unserer Arbeit hier beim Kompass und unseres Denkens über junge Menschen bzw insgesamt über Menschen.

Das ist aber nichts, was die gewaltfreie Kommunikation erfunden hat. Ich finde nur, dass Marshall Rosenberg es in seiner Arbeit ganz besonders prägnant und leicht verständlich formuliert hat.

Dem zugrunde liegt das humanistische Menschenbild, was sich sowohl in der Philosophie als auch in der Psychologie schon seit einiger Zeit findet. Marshall Rosenberg hat sich das genommen, runtergebrochen auf relativ einfache Schritte und diese als gewaltfreie Kommunikation betitelt.

Die gewaltfreie Kommunikation hat mit ihren vier Schritten auch ein relativ einfaches Instrument geschaffen, was einem helfen kann, wenn man – wie ich – nie gelernt hat, über Gefühle zu sprechen, sie auszudrücken und Bedürfnisse zu finden.

Meine Kritik an der gewaltfreien Kommunikation knüpft nicht an dieser Stelle an. Ich sehe ihren Wert und ich sehe die Idee dahinter und ich halte sie nach wie vor für unglaublich wichtig. Meine Kritik an der gewaltfreien Kommunikation liegt vor allem in der Methodik, die genutzt wird.

Ich schließe hier übrigens inhaltlich an einen Artikel an, den ich vor kurzem im unerzogen Magazin gelesen habe, in dem es vor allem darum geht, dass gewaltfreie Kommunikation sehr privilegienblind ist.

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Gewaltfreie Kommunikation setzt extrem viel voraus.

Zum Beispiel, dass ich die richtigen Worte habe und den sprachlichen Zugang zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen. Oder dass ich überhaupt gehört, wahrgenommen und ernstgenommen werde, was nicht zwingend in meiner Hand liegt. Bestimmte Bedürfnisse werden in der ursprünglichen Literatur der gewaltfreien Kommunikation gar nicht erst genannt, weil sie nicht im Mittelpunkt der nunmal sehr weißen und eurozentristischen Theorie stehen.

Ich kann mich Raffi Marhabas Kritik nur anschließen. Ich finde sie sehr, sehr hilfreich und passend und sie hat mir in meinen Gedanken geholfen.

Meine Kritik in Bezug auf die gewaltfreien Kommunikation im Umgang mit Kindern ist noch eine andere, knüpft aber nahtlos an diesen sehr empfehlenswerten Artikel an.

1. Bitten in der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern

Der vierte Schritt in der gewaltfreien Kommunikation ist die Bitte. Im Umgang mit Kindern wird das gerne vergessen und die Idee ist weit verbreitet, dass dieser vierte Schritt, die Bitte, wenn es um Kinder geht, auch als Befehl verstanden werden kann. Hochproblematisch!

Ich habe Jahre in verschiedenen Foren und Gruppen zum Thema gewaltfreie Kommunikation verbracht, um mehr darüber zu lernen und dort – wie ich eingangs schon sagte – sehr viel Wunderbares gelernt. Eine Sache, die mir ganz besonders aufgefallen ist, ist die Aussage:

Eine Bitte ist eine Bitte!

Die GfK versteht sich als offene Kommunikation und eine Bitte ist immer offen.

Ich sage einer Person: „Dies und das fühle ich, jenes und welches brauche ich. Und ich bitte dich, diese Sache zu tun, um mir zu helfen, mein Bedürfnis zu erfüllen.“ Dann steht es dieser Person frei, nein zu sagen.

Rosenberg selber war da völlig unmissverständlich und ich finde es sehr schade, wie das insgesamt verwässert wurde. Aber in Bezug auf Kinder ist ja auch noch die Verantwortung andersrum:

Das Kind hat keinerlei Verantwortung dafür, dass unsere Bitten Gfk-like erfüllt werden, sondern wir als Eltern haben die Verantwortung für unser Kind und dessen Wohlergehen.

Zusätzlich ist die Idee extrem verbreitet, eins müsse nur „bitte“ im Befehl unterbringen und schwupps würde er zu einer Bitte. Ja, ein Bitte hört sich vielleicht nett an, aber wenn das Kind keine Wahl hat, bleibt es ein Befehl. Gewaltfreie Kommunikation kann unsere Überlegenheit in der Möglichkeit uns sprachlich auszudrücken, hier absolut brutal ausnutzen.

Ich glaube, eine der furchtbarsten Erscheinungen, die ich in der gewaltfreien Kommunikation gesehen habe, ist das, was mein Sohn immer „leise gemein“ genannt hat, als er klein war und noch mit Pädagog*innen zu tun hatte. Damit meinte er dieses freundliche Sprechen und am Ende hat das Kind keine Wahl. Zum Beispiel: „Kannst du das bitte bleiben lassen?“ Oder: „Kannst du das bitte anders machen?“ Aber das sind keine Bitten, da ist kein Gegenüber. Ich hab die richtigen Worte gewählt, aber am Ende gebe ich dir deine Würde nicht und du hast keine Wahl, nein zu sagen.

Pseudobitten sind ein riesiges Problem in der Anwendung der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern.

Und ganz ehrlich: Da finde ich diese vier Schritte überhaupt nicht hilfreich. Wenn ich mich an ihnen entlang hangele, nach einem Muster handele, von dem ich glaube, es sei ausreichend, es zu erfüllen, um gewaltfrei zu sein, dann übernehme ich ja noch nicht mal die Verantwortung für die Gewalt, die ich ausübe, wenn ich einer Person keine Wahl lasse.

Wenn ich sage: „Karl-Friedrich, könntest du bitte deine Sachen aufräumen?“ Und dann wird Karl-Friedrich freundlich lächelnd dazu gezwungen, ist das Gewalt. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, weil wir es mit einem Kind zu tun haben, dass Karl-Friedrich die Gewalt noch nicht einmal identifizieren kann. Das nennt sich Double Bind oder Doppelbotschaft. Es ist mir tausend Mal lieber, du sagst: „Karl-Friedrich, du hast keine Wahl, du räumst jetzt deinen Scheiß auf!“ Aber das klingt dann natürlich nicht so schick, wie „man“ das angeblich macht in der gewaltfreien Kommunikation.

Die wortwörtliche Interpretation ist hier meines Erachtens das Problem. Die Methode ist das Problem. Die dahinterstehende Haltung wird nicht mehr transportiert, wenn am Ende mein Gegenüber vollkommen entwürdigt wird.

2. Überlegenheit in der gewaltfreien Kommunikation mit Kindern

Die gewaltfreie Kommunikation setzt ein sehr hohes Level an Verständnis, Formulierungsmöglichkeiten und Kommunikation voraus. Kinder müssen das alles aber noch lernen, sie brauchen noch Zeit, um zu lernen, wie man Dinge formuliert und wie man schick kommuniziert.

Ich finde, dass wir nicht genug darüber sprechen, was diese Überlegenheit in der Formulierung von Erwachsenen gegenüber Kindern macht.

Wenn sich ein Kleinkind brüllend auf den Boden wirft, messen wir dem, weil wir eben in einer adultistischen Gesellschaft leben, oft viel weniger Bedeutung bei, als wenn wir selber sagen: „Mein liebes Kind, ich fühle mich momentan sehr unwohl in meinem Bedürfnis, respektvoll behandelt zu werden, deswegen darfst du nicht mehr rumschreien.“ Durch so ein Verhalten kultivieren wir tendenziell die Überlegenheit unserer Kommunikation.

Wir sollten darauf achten, Kommunikation nicht deswegen abzuwerten, weil sie nicht super nett und freundlich wirkt oder sich nicht an an den obligatorischen vier Schritten der GfK orientiert.

Diese Überlegenheitstendenzen finde ich gefährlich, ganz besonders in Bezug auf Kinder, die noch im Lernprozess ihrer verbalen Kommunikation stecken.

3. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern als Methode

Das nächste Problem ist die Methodisierung von Kommunikation an und für sich, denn kommunikative Prozesse sind viel komplexer als das, was wir sagen.

Wenn ich etwas in eine Methode reinstecke und sage, das sind die Möglichkeiten, dann besteht die Gefahr, dass die dahinterliegende Haltung verloren geht.

Es ist mehr eine Frage der inneren Haltung, als eine Frage der Formulierung.

Ich sehe absolut die Leistung, die Rosenberg erbracht hat, und die auch von den GfK-Lehrer*innen, die ich kenne, ganz wunderbar weitergetragen wird. Die Methode, die angewendet wird, kann unheimlich hilfreich sein. Ich selber habe sie genutzt, als ich noch gar nicht wusste, wie man mit anderen Menschen zugewandt redet. Ich finde das total nachvollziehbar, dass Menschen sie an sich sich reißen und glücklich sind, dass ihnen endlich genau gesagt wird, was sie machen sollen, um gewaltfrei zu sein.

Das Problem entsteht, wenn mir nicht klar ist, dass die Haltung wichtiger ist als die Methode und dass Kommunikation viel, viel mehr ist als die Worte, die ich benutze.

Wie oben schon erwähnt, wenn ich eine Person ganz superfreundlich bitte und die Person hat keine Wahl, dann ist das ach so nette Gesäusel ein gewaltvoller Befehl, weil ich die Person zwinge, etwas zu tun oder zu lassen. Und da finde ich es hilfreicher und ehrlicher, das auch als Gewalt zu markieren, als mich mit Hilfe des methodischen Bausteins auf der scheinbar gewaltfreien Seite zu sehen.

Das ist eine große Gefahr. Gerade gegenüber Kindern.

4. Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern im Kopf

Die Methode der gewaltfreien Kommunikation ist nicht immer und in jeder Situation für jede Person passend. Kulturelle und soziale Unterschiede werden massiv negiert. Allein die Sprache, wie ich sie verwende, kann extrem unterschiedlich sein und die vier Schritte können unpassend, überhaupt nicht authentisch und zur Verbindung beitragend sein, wenn ich sie wortwörtlich übernehme.

Ich persönlich finde die vier Schritte inzwischen eher dazu geeignet, sie in meinem Kopf ablaufen zu lassen, als sie tatsächlich auszusprechen:

  1. Was fühle ich?
  2. Welche Bedürfnisse sind da?
  3. Was brauche ich?
  4. Kann ich eine konkrete Bitte formulieren?

Super hilfreiche Fragen, aber eine schematische Art und Weise zu kommunizieren, die außerdem alles außen vor lässt, was wir nonverbal kommunizieren und was der Kontext mit sich bringt.

Ein gutes Beispiel sind Schulen, die sich um gewaltfreie Kommunikation bemühen, aber weiter in dem systemischen Korsett stecken, in dem Kinder eben nicht entscheiden können, in dem es nur wenig Freiheiten gibt. In diesem Rahmen gewaltfrei kommunizieren zu wollen, kommt mir wie eine Perversion vor, vergleichbar mit dem Erziehungstipp „Frag dein Kind, ob es die Medizin aus dem rosafarbenen oder dem blauen Becher trinken will.“ Es gibt keine echte Freiheit. Dass ich die Pille schlucke ist gesetzt, ich darf mir nur das Wie schön trinken. So kommt mir das vor und das kann Kommunikation nicht fixen.

Verbale Kommunikation kann systemische Probleme nicht angreifen.

Auch darauf geht der Artikel, der mich auf diese Gedanken gebracht hat, auf eine ganz wunderbare Art und Weise ein.

Und auch das Nonverbale muss mit gedacht werden. Ich habe selten so viel massive Gewalt erlebt wie von Menschen, die gewaltfreie Kommunikation praktizieren, weil die nonverbalen, systemischen und die Situation umgebenden Faktoren nicht mit gedacht werden.

5. Gewaltfrei geht nicht!

Gewaltfreie Kommunikation ist meines Erachtens ein falscher Titel, weil Gewalt keine Frage der Intention ist. Gewalt ist etwas, was zwischenmenschlich entsteht.

Du kennst das bestimmt: Du sagst zu deinem Kind irgendwas, du meinst das total nett oder du machst einen Witz und dein Kind ist total verletzt. Passiert auch mit anderen Erwachsenen. Wir machen irgendwas, von dem wir denken, das wäre total ok und haben eine andere Person damit trotzdem verletzt.

Solange es nicht ankommt, wie es ankommen sollte, ist es scheißegal, wie du es gemeint hast.

Das Schlimmste, was wir machen können, wenn wir andere Menschen verletzen – und wir werden immer wieder andere Menschen verletzen, weil wir in Sozialverbänden leben, in denen immer Konflikte entstehen – ist zu sagen: „Aber ich hab es doch nur gut gemeint.“ Wir alle wissen, wie es unser Selbstbewusstsein, unser Gefühl zerstören kann, wenn eine Person uns verletzt, wir machen die Person darauf aufmerksam und die Person sagt: „Aber das war doch überhaupt nicht böse gemeint.“

Dieses Vorgehen ist vollkommen normal im Umgang mit Kindern. Das ist eines der großen Probleme in meiner Arbeit, dass Menschen nicht verstehen, dass ihre Intention scheißegal ist.

Eine Methode, die sich auch noch gewaltfrei nennt, birgt immer die Gefahr, dass ich mir sage: Solange ich diese vier Schritte korrekt mache, liegt es nicht in meiner Verantwortung, wie es ankommt.

Oh doch! Es ist immer meine fucking Verantwortung.

Kommunikation ist nichts, was ich aussende und dann ist Schluss. Kommunikation ist etwas Zwischenmenschliches. Es ist genauso wichtig, wie es ankommt und mit welcher Haltung ich es aussende.

Und da ist meines Erachtens egal, ob ich da die super süßesten und niedlichsten Worte oder die perfekte Formulierung benutzt habe. Es ist viel wichtiger, dass ich klar habe, was ich fühle, was ich brauche und was meine Haltung gegenüber einem anderen Menschen ist.

Wie es bei einer anderen Person ankommt, kann ich nicht kontrollieren und das ist die große Gefahr in der Theorie, die Rosenberg aufgestellt hat meines Erachtens. Diese Methode, die dazu verleitet zu sagen: Wenn ich sie nur richtig benutze, ist keine Gewalt möglich.

Ich habe es unzählige Male in der Praxis gesehen. Die Idee, dass es eine Überlegenheit gibt, die Idee, dass die Methode der GfK mir das ethische Dilemma der Auseinandersetzung mit anderen sozialen Wesen, die ein anderes Erleben haben und bei denen meine Worte vielleicht nicht so ankommen, wie ich mir das wünsche, mich quasi aus diesem sozialen Dilemma enthebt. Dass sie mir die Möglichkeit gibt, zu sagen, ich habe alles richtig gemacht. Wenn ich diese Schritte mache, dann ist es immer moralisch richtig.

Wir werden immer Fehler machen und andere verletzen, denn wir sind Menschen.

Wir bleiben Menschen und wir bleiben in Sozialverbänden und keine Kommunikationsstrategie kann uns abnehmen, dass wir Fehler machen und dass wir andere – auch geliebte – Menschen verletzen. Das Mindeste, was wir tun können, ist die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und das kann uns keine Methode abnehmen.

Ich habe noch einige andere Kritikpunkte, aber ich höre jetzt an dieser Stelle mal auf und komme zu meinem vorläufigen Fazit.

  • Die Haltung, die dahinter steht, die Idee, dass wir aufhören, über Verhalten zu reden und anfangen, über Bedürfnisse, Gefühle und das, was in uns vor sich geht, zu sprechen, und auch die Idee, auf andere Menschen zu schauen und ihre Bedürfnisse und Gefühle in den Mittelpunkt zu nehmen, finde ich super.
  • Rosenbergs Zusammenfassung dieser Ideen und humanistischen Psychologie insgesamt finde ich wahnsinnig toll.
  • Die Methode der vier Schritte finde ich hilfreich, wenn ich noch lerne, Gefühle zu benennen, Bedürfnisse zu erkennen etc. Aber sie ist wie ein Gehstock. Der ist super, wenn ich nach einem Unfall wieder laufen lerne – so wie ich gerade, nachdem ich mir den Fuß gebrochen habe, und hilft mir, an einen anderen Ort zu kommen, aber er ist keine dauerhafte Lösung und ich sollte mich weder hinter dem Stock noch hinter einer Methode verstecken. Beim Gebrauch muss klar sein, dass ich weiterhin verantwortlich bin, meine eigenen Worte und meine eigene Wahrheit zu nutzen, mein junges Gegenüber wirklich ernst zu nehmen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jetzt ein paar wichtige Kritikpunkte vergessen habe. Die fallen mir dann immer erst hinterher wieder ein…

Wenn dir noch etwas einfällt, du mir irgendwo widersprechen möchtest oder du deine Gedanken mitteilen magst, schreib super gern in die Kommentare. Ich freu mich drauf, weil ich die Diskussion so spannend finde und froh bin, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, wo wir das diskutieren können.