Hier kannst du dir den Artikel anhören:

 

Wenn wir in friedvolle Elterschaft reinwachsen, gibt es so eine bestimmte Phase, in der es richtig, richtig schwierig für uns wird, in der wir immer wieder schwimmen, in der uns die Umsetzung in die Praxis nicht gelingt und wir denken “Boah, eigentlich finde ich, mein Kind muss jetzt mal gehorchen! Aber das ist ja erzieherisch.. Oh shit, was soll ich bloß machen?”

In unserem Mitgliedsbereich, den Weggefährt*innen, hat diese Phase einen eigenen Namen: die Armlängenwelt. Sascha, unser Community Manager, hat diesen Begriff geprägt. Sie heißt deswegen so, weil es während dieser Phase das wichtigste ist, den nächsten, möglichen Schritt zu machen und eben nicht zu versuchen, gleich den gesamten Aufstieg in einem Rutsch zu wuppen oder genervt wieder runterzuklettern und wegzugehen, sondern zu gucken:

Was liegt innerhalb meiner Armlänge? Was kann ich als nächstes machen?

Und worum es da ganz oft geht, ist das Loslassen. Einerseits gibt es diese Idee, dass ich ja nur meine alten Erziehungsideen loslassen muss, dann wird alles gut, und andererseits ist das Loslassen selbst irgendwie zum Sport geworden.

Ich möchte mal ein paar Ideen oder Gedanken dazu in den Raum werfen.

Es gibt kein reines Loslassen vom Alten.

Beispiel: Mein Kind will nicht aufräumen.

Der Glaubenssatz “Kinder müssen lernen, aufzuräumen.” war schon immer in deinem Kopf, sodass du jeden Tag einen Kampf mit deinem Kind über das Aufräumen geführt hast. Irgendwann hast du angefangen, dich mit friedvoller Elternschaft auseinander zu setzen, du hast über Alternativen nachgedacht und diese ausprobiert. Aber es knallt immer noch. Es ist dir auch weiterhin wichtig, dass aufgeräumt wird. Du weißt nicht, wie du dein Anliegen formulieren kannst ohne dieses “ein Kind muss doch mal” und irgendwie willst du diesen Gedanken auch gar nicht so ganz loslassen. Du hast einen wahnsinnigen Widerstand gegen die Idee, dass du einfach selbst aufräumen kannst, weil es dein Bedürfnis ist. Du schwankst hin und her: An einem Tag ist es total ok und ihr findet eine Lösung, am nächsten gibt es einen Kampf.

Das ist ganz typisch für diese Phase. Und dann kommt oft die Idee: “Ich muss den alten Gedanken einfach nur loslassen!”

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Denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten.

In unserem Wutkurs hatten wir die Hilfe von einer ganz wunderbarin Coachin, Olga Homering, sie hat mit uns zu Gedanken zum Thema Wut gearbeitet. Da haben wir festgestellt, dass es unmöglich ist, Gedanken bewusst loszulassen. Wenn ich nämlich einen Gedanken loslassen will und deswegen denke: “Ich muss jetzt aufhören, zu denken, dass mein Kind aufräumen muss.”, dann habe ich in dem Moment schon genau daran gedacht. Das ist dieses Paradoxon im Umgang mit Gedanken, das wir kennen als das berühmte rosa Elefant Paradoxon: Denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten. Und dann kannst du gar nicht mehr anders, als an einen rosa Elefanten zu denken.

Was also tun?

Hör auf, nach Lösungen zu suchen!

Was oft passiert, wenn du eigentlich loslassen willst, ist, dass du nach Lösungen suchst. “Ah, meine Nachbarin hat diesen Trick, die macht dann mit ihrem Kind einfach Duploweitwurf in einen Korb.” Logo kannst du lustige Sachen ausprobieren, überhaupt kein Problem. Aber was wir oft mit der verzweifelten Suche nach Lösungen versuchen zu überspielen, ist das riesige, innere Dilemma, in dem wir stecken.

Da ist unsere Erziehung, das Umfeld, die Schule, die das Kind besucht, überall hören wir “Nein, nein, das muss so sein, das war schon immer so!” Dann kommt da vielleicht ein kleiner, verletzter, innerer Anteil in uns dazu, der sagt: “Ich find das total gemein, ich musste früher auch immer mein Zimmer aufräumen. Und jetzt soll das alles umsonst gewesen sein?” Und dann kommt ein anderer Anteil in dir zu Wort, der sagt: “Das macht überhaupt keinen Sinn! Zum Aufräumen zwingen, macht Menschen nicht ordentlich. Und außerdem ist es mir die Konflikte nicht wert, ich möchte so mit meinem Kind nicht umgehen.”

Du hängst zwischen diesen Stimmen und weißt nicht, was du tun willst.

Wir dürfen anfangen, es uns in dieser Phase des Ungemütlichen gemütlich zu machen.

Und an dieser Stelle möchte ich dir ein vollkommen gegen gesellschaftliche Ideen von Weiterentwicklung und von Veränderung gehenden Rat geben:

Tu einfach nichts.

Ich meine das absolut ernst. Lass dieses Unangenehme zu, such dir ein sicheres Plätzchen an diesen merkwürdigen Zwischenort voller Ambivalenzen. Und dann lass deine Gedanken und Gefühle fließen.

“Eigentlich ist das nicht ok.” – “Aber ich brauch ne Lösung.” – “Vielleicht spinnen die alle?” – “Was mach ich denn jetzt bloß?” – “Aber eigentlich ist mir Beziehung so wichtig!” – “Es kränkt mich so, wenn mein Kind schon weinend ankommt, weil es weiß, jetzt geht es gleich wieder an das Aufräumthema.” – “Das will ich so nicht mehr.” – “Aaah!”

Lass all diese Gefühle, die sich abwechseln und wiederholen, einfach da sein, ohne eine Lösung zu suchen. Ich weiß, das ist jetzt nicht besonders marketable als Tipp, aber es hilft. Ich begleite Eltern seit über fünf Jahren auf ihrer Reise und erlebe es wieder und wieder.

Nimm deinen Körper mit!

Loslassen ist keine intellektuelle Leistung, sondern gelingt am besten über Verbindung zum Körper. Bewusstes Atmen. Bewegung. Weder perfekt noch viel. Dreimal auf und ab hüpfen. Eine kurze Yoga-Stretch-Einheit. Einmal bewusst durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausatmen. Verbindung zum Körper und nur wahrnehmen, was das gerade in mir macht.

  • Wo in deinem Körper spürst du das?
  • Was genau ist da unangenehm?
  • Kannst du Gefühle benennen? Ist da Wut? Ist das Trauer? Bist du vielleicht ängstlich? Ist das Unsicherheit? Ist das Zerrissenheit?
  • Was genau ist das?

Das dürfen auch super gerne widersprüchliche Dinge sein. Es gibt kein Richtig und Falsch. Wir beobachten nur, was da ist. Das ist das Loslassen an sich.

In dem Moment, in dem wir nur wahrnehmen, was ist, und vielleicht versuchen, unsere Gefühle zu benennen, validieren wir uns. Das ist ganz doll bedürfniserfüllend, weil wir in dem Moment nicht mehr sagen, was alles falsch ist oder was wir anders machen müssen, wir stellen einfach nur fest:

Das ist. Das bin ich. Hier stehe ich.

Ist das sexy? Ist es perfekt? Vermutlich nicht. Bin das ich in meiner mir eigenen Schönheit? Ganz genau! Und dieses Wahrnehmen, diese 30 Sekunden Raum lassen, einfach nur zu sein in diesem Dilemma, ohne eine Lösung zu finden und ohne es mit dem Kopf lösen zu wollen, ist der Zugang zum Loslassen.

Suche dir einen Ersatz.

Wenn dieses Einchecken zur Gewohnheit wird, kannst du besser auf deine Gefühle achten, regst dich nicht mehr so schnell auf und findest kreative Lösungen. Und manchmal poppt der alte Gedanke doch wieder auf. Manchmal kommt diese alte Konditionierung hoch und du klingst wieder exakt wie eine deiner damaligen Bezugspersonen. Mist!

Was da hilft, ist aufzuhören, diese Dinge zu bekämpfen.

Loslassen ist ein sanfter Prozess des Ersetzens.

Wenn wir loslassen in eine Vakuum hinein, wird das sehr schwierig für unsere Gedanken, denn die brauchen etwas, woran sie sich entlang hangeln können.

Beispiel: Mein Kind ist frustriert und haut mich.

In meinem Kopf: “Das geht überhaupt nicht, das ist krass respektlos, ich werd hier überhaupt nicht gewertschätzt ist diesem Haus.”

Das ist meine alte Konditionierung.

Irgendwann verstehe ich zwar, dass sich mein kleines Kind vielleicht gerade nicht anders ausdrücken kann, dass es mich gar nicht angreifen will, aber der Gedanke poppt trotzdem auf.

Es ist so viel leichter loszulassen, wenn wir etwas anderes haben, an dem wir uns festhalten können.

Du brauchst den Gedanken nicht bekämpfen, also nicht loslassen im Sinne von “Ich kämpfe mich frei von dir!” Stattdessen kannst du dir einen anderen Gedanken dazuholen und dich fragen:

  • Was könnte noch wahr sein?
  • Was könnte ich noch darüber denken?
  • Was ist die freundlichste Theorie, die ich mir über dieses Verhalten ausdenken kann?

Das kann zB sein: “Mein Kind haut mich, weil es sich sicher bei mir fühlt, bei mir kann es all seine Emotionen zeigen.” oder “Mein Kind möchte mir seine Bedürfnisse mitteilen und sorgt gerade richtig gut für sich.” oder “Mein Kind vertraut mir, es weiß, dass ich versuchen werde, ihm zu helfen, auch wenn es sich auf eine Art ausdrückt, die ich uncool finde.”

Das alles könnten alternative Beschreibungen sein. Es könnte auch ein empathisches Verbinden sein: “Mein armes Kind hat die ganze Zeit total krass mit mir kooperiert und jetzt kann es schlicht nicht mehr, kein Wunder, dass es ausrastet.”

Es darf jede Theorie sein. Du hast dir vorher schon eine Theorie in deinem Kopf zurecht gelegt, die hat dich wütend gemacht. Ob das Verhalten deines Kindes respektlos ist oder ob es Bedürfnisse ausdrückt, ist deine Wahrnehmung. Nichts davon ist wahr, alles davon ist konstruiert. Deine Wahrheit baust du selbst.

Nimm dir also einen zweiten konstruktiven Gedanken dazu.

Loslassen ist ein Prozess.

Loslassen von alten Mustern, Ideen, Strukturen oder Strategien ist ein Prozess. Es ist normal, dass er im Zickzack verläuft, dass er unangenehm ist, dass du zwischendurch die Flinte ins Korn werfen willst und dir denkst: “Das ist alles scheiße! Diese ganzen attachment parenting, unerzogen, friedvolle Elternschaft Leute sind alle beknackt, bei mir funktioniert das sowieso nicht!”

Das ist alles normal, das gehört dazu und je liebevoller du annimmst, wo du gerade bist, über den Körper und die Emotionen und weniger über den Kopf, und je mehr du deinem Kopf eine Alternative anbietest, desto eher kannst du da reinwachsen. Es ist kein Rennen. Es gibt am Ende keinen goldenen Stern.

Es ist dein Weg und dein Weg ist absolut individuell.

Wenn du irgendwelche Unterstützung dabei brauchst, dann möchte ich dir anbieten, bei den Weggefährt*innen vorbeizugucken. Über Ostern machen wir da eine kleine Aktion. Sei dabei, denn da machen wir genau das:

Wir begleiten dich auf deinen Weg genauso, wie du bist und genauso, wie dein Prozess ist.