Hier geht’s zur Hörversion:

 

Das hier wird ein Rant. Darüber, wie wir Kinder in einer Pandemie behandeln. Und warum Homeschooling Schwachsinn ist.

Den Auslöser gab es neulich bei den Weggefährt*innen:

“Ich werde so wahnsinnig wütend auf mein Kind, wenn es seine Homeschooling-Aufgaben nicht machen will.”

Da war so viel Schmerz. Da war so viel Verzweiflung. Und es war nicht das einzige Mal dass ich das gelesen habe.

Und als ich dann auch noch in den Kommentarspalten großer Zeitungen zum Thema Homeschooling immer wieder die Forderung las, Kinder dürften jetzt auf keinen Fall zurückfallen und ihre Bildung müsse gesichert werden, war die Idee dieses Artikels geboren. Das schrie einfach nach einer Antwort aus dem nicht erziehenden Bereich, nach einer Antwort, die die Realitäten rund ums Lernen einbezieht.

Vorweg: Wir befinden uns alle in einer wirklich krassen Situation! Und ich finde es total ok zu sagen: “Ich will, dass mein Kind in die Schule geht, weil ich die Betreuung brauche.” oder “Ich will, dass mein Kind seine Freund*innen wiedersehen kann.”.

Schwierig wird es meiner Meinung nach, wenn wir so tun, als wäre es dringend nötig, zu Hause Schule zu spielen. Wenn dein Kind Bock darauf hat, morgens um 8 Uhr geschniegelt vor zoom zu sitzen und Aufgaben zu bearbeiten, alles gut! Unterstütz es dabei! Aber wenn es sich weigert, wenn ihr Kämpfe habt, wenn es ausschlafen will, dann lass es in Frieden mit dem Kram!

 

KOSTENLOS

#stattschimpfen

Dein Workbook – Dein Weg aus der Meckerei!

Abonniere den kostenlosen Kompass-Newsletter mit wertvollen Informationen und Angeboten zum Thema friedvolle Elternschaft und erhalte als Willkommensgeschenk das Workbook #stattschimpfen.

Abmeldung jederzeit möglich. Der Versand erfolgt mit dem US-Dienstleister Mailchimp. Hinweise dazu findest du in der Datenschutzerklärung

Scheiß auf das Corona-Homeschooling!

Ich mein das ernst! Was soll passieren? Ja, vielleicht ist die Schule nicht glücklich, aber können wir das mal bitte vor dem historischen Hintergrund angucken? Die scheiß Hausaufgaben sind gerade nicht wichtig, wichtig sind Resilienzfaktoren. Es ist wichtig, dass wir Dinge machen, die uns gut tun, die uns beruhigen. Und wenn das der Matheunterricht nicht leistet, dann sollten wir ihn abhaken. Jap, ich habs gesagt. Einfach ignorieren. Und ich sag dir noch was: Die Welt geht nicht unter davon.

Wichtig ist außerdem, dass wir verlässliche und gute Beziehungen zu unseren primären Bezugspersonen haben. Eine primäre Bezugsperson, die den verlängerten Arm von Schule spielt und – benennen wir das bitte mal so – gewalttätig von uns Dinge fordert, die überhaupt keinen Sinn ergeben, vielleicht noch nicht einmal für die Bezugsperson selbst, Dinge, die wir nicht tun wollen, stärkt unsere Resilienz definitiv nicht, im Gegenteil!

Zuhause unter Zwang Schule spielen, schadet der Beziehung!

Denn dann ist es nicht mehr so, dass Schule ein Ort ist, für den wir unsere Kinder zuhause wappnen können, für den wir Zuhause Resilienz aufbauen können, indem wir nicht bewerten, indem uns Noten egal sind, indem wir die Beziehung zu unseren Kindern nach vorne stellen… Wenn wir Eltern jetzt diejenigen sind, die die Gewalt ausüben, die das Kind bewerten, die ihm unerwünschte Aufgaben geben und die Dinge durchziehen, die das Kind in dem Moment nicht will, kann das der Eltern-Kind-Beziehung massiv schaden. Das ist es nicht wert.

Und wofür das alles?

Corona-Homeschooling ist kein echtes Lernen. Das ist nur das Ausexerzieren einer überholten Idee von Schule. Es ist ein Auswendiglernen vorgegebener Inhalte ohne echte Verankerung im Gehirn, ohne jede Begeisterung, ohne wirkliches Verstehen. Für den Anschein von Lernen brauchen wir doch die Beziehung zu unseren Kindern in einer Pandemie nicht aufs Spiel setzen! Das sind die absolut falsche Prioritäten.

 

Was brauchen Menschen zum Lernen?

Lernen braucht vor allem eine freundliche, inspiriernde Umgebung und erfüllte Grundbedürfnisse wie Schlaf und Nahrung, bis hin zu Wertschätzung und Gesundheit. Dann werden wir Menschen neugierig und  haben Lust nach außen zu gehen, etwas Neues auszuprobieren. Dann kann Bildung entstehen. Wir brauchen Zugang zu Dingen, die uns begeistern, wir brauchen Zeit und die Möglichkeit zu spielen, außerdem Vertrauen und Sicherheit, um uns auf etwas Neues einzulassen.

Das wissen wir, das weiß die Hirnforschung, das weiß auch die Pädagogik. Und doch tun wir so, als sei es wahnsinnig wichtig, ein überholtes System, von dem wir schon lange wissen, dass es schon im normalen schulischen Kontext ohne Corona nicht funktioniert, in unser Zuhause zu holen.

Wenn dein Kind Interesse hat, wenn es begeistert von etwas ist, gib ihm Inhalte, setz es vor zoom, organisier Lehrende, besorg Bücher, krempel das Internet um. Aber tu doch nicht so, als ob es gerade ernsthaft wichtig wäre, irgendeinen Kram auswendig zu lernen. Es verstopft quasi das Gehirn und es nutzt die Kooperationsbereitschaft deines Kindes an einer Stelle ab, an der es vollkommen überflüssig ist.

Kein Mensch lernt etwas nachhaltig, wenn er kein Interesse hat.

Mal eben für den Kontext, damit du verstehst, woher ich komme und was daran für mich so vollkommen absurd ist: Meine Kinder haben nie eine Schule von innen gesehen (naja, doch, Kind 2 hat sich mal eine freie Schule hier in der Gegend angeguckt, wollte dann aber doch lieber zuhause bleiben), für mich ist Homeschooling, besser gesagt Unschooling, also das Nichtbeschulen von Kindern, der absolute Normalfall. Meine Kinder haben lesen, schreiben, rechnen gelernt und noch lauter andere Dinge. Einfach deswegen, weil sie leben, weil sie sich mit uns in dieser Welt bewegen. Ich habe ihnen nichts vorgekaut, ich habe ihnen nicht gesagt, wie sie es zu tun haben. Und um mich herum haben genau das viele andere unbeschulte Kinder getan. Das funktioniert nicht nach Rezept und am Ende kommt nicht das Gleiche raus, aber ich weiß, was Lernen eigentlich braucht. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Kindern im Rahmen des Corona-Homeschoolings geboten wird.

Auch meine nichtbeschulten Kinder sind von der Pandemie betroffen: Sie können ihre Freund*innen nicht mehr treffen, sie können nicht mehr zum Sport gehen, wir sind hier in Portugal im kompletten Lockdown. Wir alle sind nicht mehr offen dafür, neues zu lernen bzw können uns gerade nicht gut auf Neues einlassen. Das ist vollkommen normal! So schützt sich ein Gehirn, wenn es gerade in der Krise steckt. Natürlich macht es keinen Sinn, jetzt neue Sachen daraufzuwerfen.

Wenn du besorgt bist, dein Kind sei das Einzige, das beim Homeschooling nicht mitmacht, sei dir sicher, dein Kind kann das alles später noch lernen. Es passiert absolut nichts, wenn dein Kind mit 7 irgendwas nicht schreiben kann oder wenn dein Kind mit 12 diese bestimmte Rechnung nicht hinkriegt. Locker bleiben! Das kann es immer noch lernen, sein Gehirn kann lernt ein Leben lang!

Ich steh mit dieser Meinung selbst in der bedürfnisorientierten Blase ziemlich allein da, spätestestens wenn die Kinder 13, 14 sind, gibt es auch dort die Idee, dass sie bestimmte Sachen können müssen und die Abschlüsse zur rechten Zeit zählen. Dabei können Abschlüsse doch immer gemacht werden. Wenn eine Person motiviert ist, wenn sie etwas bestimmtes erreichen will, lernt sie viel leichter. Wenn das Ziel zB ist, Tierpfleger*in zu werden, braucht es eine Ausbildung und um diese zu machen, einen Schulabschluss (wobei es auch da sicher andere Wege gibt). Mit diesem intrinsisch motivierten Ziel im Kopf, kann die Person Dinge lernen, die sie sich sonst nie angeschaut hätte. Mit einem Ziel oder einer Vorstellung im Kopf können wir super leicht, die kompliziertesten Dinge lernen.

Eine Pandemie physisch und psychisch gesund überstanden zu haben, ist eine gute Grundlage, sich anderen Dingen widmen zu können. Meinetwegen um Abschlüsse zu machen, um leisten zu können, wenn eins denn leisten will.

 

Wir sind in einer Krise!

Und was ist das überhaupt für ein irrer Anspruch? Um mich herum – und ich selber gehöre auch dazu – sind Menschen, die schimpfen und jammern und überfordert sind von dieser Situation. Es gibt überall memes darüber, wie Eltern mehr Wein trinken als sonst und wie alle nur noch netflixen und irgendwie versuchen, mit Copingmechanismen durch diese Scheiße zu kommen. Aber unsere Kinder müssen weiter funktionieren und so tun, als ob ne fucking Mathearbeit gerade das wichtigste wäre? Das ist unfair! Das sind keine fairen Standards, das ist nicht in Ordnung!

Unsere Kinder sind genauso in der Krise wie wir!

Und unsere Kinder haben genauso ein Recht auf Krise, sie haben ein Recht auf schlechte Laune, darauf, dass es ihnen nicht gut geht, ein Recht darauf, nicht zu funktionieren.

Wir verlangen ständig Kooperation von unseren Kindern, so viel Bereitschaft, sich auf Dinge einzulassen, die nicht ok sind und die ihre Bedürfnisse nicht erfüllen. Aus gutem Grund trennen wir sie von ihren Freund*innen und Großeltern, setzen ihnen Masken auf – wenn sie klein sind, verstehen sie ja noch nicht einmal, warum! Wir sollten das nicht überstrapazieren! Wir brauchen ihre Hilfe für die Momente, in denen wir als Eltern nicht mehr können, uns einen Moment aufs Sofa setzen müssen und verlangen, dass sie sich irgendwie nochmal fünf Minuten alleine beschäftigen, damit wir klar kommen.

Nutzen wir die natürliche Kooperationsbereitschaft unserer Kinder nicht für fucking Rechtschreibung!

Verlangen wir ihnen nicht noch zusätzlich sinnloses Zeug ab. Ich finde, wir dürfen aufhören, uns als Eltern – und ich sage wir, obwohl es mich nicht betrifft, deswegen ist das immer leicht gesagt, ich weiß – vor den Karren spannen zu lassen. Und ich finde, wir können mal ganz klar sagen: “Nein, das mach wir jetzt nicht!”

 

Gib der Schule nicht so viel Gewicht!

Ich habe mit vielen Eltern gesprochen in letzter Zeit und mehrere erzählten, dass sie in der Schule Bescheid gegeben haben, dass sie nicht mehr teilnehmen möchten. Dass sie die Verantwortung des Schule spielens nicht mehr mittragen werden. Dass sie keinen Bock mehr auf Machtkampf haben, dass sie die Beziehung zu ihren Kindern nicht mehr durch Schule und herbeifantasierte Vorgaben, wann ihr Kind was können soll, beeinträchtigen werden.

Manche Schulen fanden das ok, andere nicht. Aber ganz im Ernst, who cares? Am Ende geht es um euer Miteinander und eure Gesundheit.

Schule ist ein Relikt, das von allen Seiten seit Jahrzehnten massiv kritisiert wird und sie hat nicht das Recht, dein Familienleben zusätzlich zu belasten. Nimm dir von der Schule die Angebote, die euch Freude machen, die euch unterstützen, die euch gut tun. Und verweigere den Rest!

Ja, das hier ist ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam!

Ich finde, dass es gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist, um noch mehr Gewalt und noch mehr Druck in unser Zuhause zu holen auf Kosten unserer eigenen Werte, auf Kosten dessen, wie wir eigentlich miteinander und mit unseren Kindern umgehen wollen.

Ich finde, es ist der richtige Zeitpunkt, sanft mit unseren Kindern zu sein und sanft zu sein mit uns selber.

Wir befinden uns in einer weltweiten Krise und das dürfen wir auch anerkennen.

Ich wünsch dir ganz, ganz viel Kraft in dieser schwierigen Zeit.