Etwas seltsames ist passiert.

Systeme, die alle für unverrückbar hielten, sind gefallen. Ideen, die verrückt waren, sind normal. Maßnahmen zum Klimaschutz, die gerade noch für nicht machbar gehalten wurden, sind getroffen. Das Normale hat sich verschoben. Der Corona-Virus hat es zerquetscht und uns gezeigt, was das Normale eigentlich ist: Eine große, schwerfällige Illusion.

Viele Familien finden sich nun in Situationen, die bisher eine Randerscheinung waren: Kinder sind zu Hause und Homeoffice, so möglich, ist normal. Das kann zu rauhen Zeiten führen – zerbrechende Systeme sind nicht besonders nett in ihrer Radikalität.

Ich beobachte seit ein paar Tagen die Veränderungen in den Familien, die Ängste („Hilfe, ich habe meine Kinder fünf Wochen zu Hause!“) und die Kämpfe derjenigen, deren Lebenssituation die Umstellung nicht leicht zulässt. Ich muss zugeben, dass ich es verwundert beobachte – denn das, was nun in Millionen Haushalten passiert, ist mein Alltag. Anders als viele von euch habe ich mir den ausgesucht, zugegeben. Klar ist es arrogant zu sagen „Ey, ist doch alles easy!“, nachdem ich mir das jahrelang so eingerichtet habe, weil es meiner Familie und meinen Werten entspricht. Und klar ist die Situation eine andere, wenn du da reingeworfen wirst. Unser Umbruch war sanfter als von Null auf Corona. Und das erkenne ich an. Deswegen dachte ich – okay, Klappe halten, Ruth.

Aber: Ich lebe mit meinen Kindern schulfrei und arbeite von zu Hause seit Jahren. Wir sind unschooler. Wir haben die Dinge durchgemacht, denen sich nun viele Eltern stellen. Für uns ist es Normalität, ohne Pläne zu leben. Für uns ist es normal, dass die Sozialkontakte gesucht werden müssen. Für uns sind Zoom-Telefonate über Kontinente mit Freund*innen normal. Für uns ist es normal, dass die Bildungsverantwortung bei uns Eltern liegt. Und wir haben die Reise durch die Verunsicherung und Angst gelebt. All das, was ich nun lese, haben wir uns irgendwann auch mal gefragt („Wie soll ich Zeit für mich haben?!“ – „Was soll ich bloß den Tag über tun?“ – „Wird mein Kind das lernen, wenn ich es nicht zwinge?“). Wir sind in die Antworten hineingewachsen.

Und deswegen erlaube ich mir in diesen verrückten Zeiten, in denen wir, die wir sonst eher eine Randerscheinung dieser Gesellschaft sind, der Normalfall werden, ein paar Hilfen zu teilen.

1. Lernen. Ist. Immer

Für viele Eltern ist es beunruhigend und beängstigend, dass Kinder nun nicht mehr (oder nur eingeschränkt) formal lernen. Wir sind von klein auf darauf konditioniert, dass lernen durch „Vermittlung“ des „Stoffes“ stattfindet. Beide Begriffe gehören in Anführungszeichen. So funktioniert Lernen nämlich gar nicht. Es ist ein komplexer Vorgang, der durch Fehler gestärkt und von Neugierde getrieben wird.

Lernen braucht vor allem Zeit.

Womit wir bei der guten Nachricht wären: Zeit, das ist das, was wir nun haben. Zeit, uns in ein Thema zu vertiefen ohne nach x Minuten zu unterbrechen. Zeit, beim Backen die Rechnung zu besprechen die dem Ganzen zugrunde liegt. Zeit, ein Thema zu recherchieren und Dinge zu testen.

Ich möchte alle Eltern, die sich fragen, wie um Himmels Willen Lernen ohne Unterricht funktionieren soll, einladen, diese Zeit dafür zu nehmen, ein Experiment zu starten. Ich meine, wann hat mensch mal diese Möglichkeit? Das Experiment hat zwei wichtige Zutaten: Vertrauen und Selbstbeobachtung.

Vertrauen

Eine der herzzerreißenden Folgen von erzieherischem Denken ist die Idee, dass Menschen nicht lernen, wenn man sie nicht zwingt. „Das muss das Kinder aber auch mal lernen“ ist häufiger Ausdruck dieser Idee und begründet nicht selten Gewalt. Prominente Vertreterin dieses umfassenden Misstrauensantrages ist die deutsche Schulpflicht. Und das Gedankengut dahinter wird dir wieder begegnen, wenn du dein Kind nun auf unbestimmte Zeit zu Hause begleitest. Denn: Wird es Mathe machen? Lernt es höhere Chemie? Und was ist mit den Kulturtechniken?!

Vertrauen ist die unerschütterliche Grundlage für alles friedvolle Verhalten gegenüber unseren Kindern und es ist dringend notwendig für das Lernen. Menschen, die gezwungen werden, lernen nicht. Sie lernen auswendig. Das ist ein sehr, sehr großer Unterschied.

Wenn wir auf Zwang verzichten, brauchen wir Unmengen an Vertrauen.

Wir müssen uns damit abfinden, dass das Lernen immanent, also nicht abfragbar ist, und dann – plötzlich – hervorbricht. Ich selber werde wieder und wieder überrascht vom Wissen, das meine Kinder aufgeschnappt, verarbeitet und oft komplett unsichtbar einsortiert haben, um es dann im passenden Augenblick anzuwenden. Auch Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben werden nicht selten unter Freilerner*innen so gelernt: Plötzlich kann das Kind lesen, ohne dass vorher der Prozess klar oder abfragbar war.

Das Problem ist, dass das komplett entgegen unserer Lernsysteme gelagert ist: Warten, bis ein Kind etwas von allein lernt, braucht, vor allem wenn es nicht sichtbar oder spürbar ist, unendliches Vertrauen. Das ist der Muskel, den du in den nächsten Tagen und Wochen trainieren kannst.

Du wirst das Lernen sehen, wenn du weißt, dass Menschen nicht anders können als lernen.

Wenn dein Kind vor dem Fernseher versackt – frage es, womit es sich da befasst. Wie man Geschichten erzählt? Charaktere entwickelt? Was Superheldenkostüme ausmacht? Wenn dein Kind scheinbar gelangweilt herumturnt, frage, was es tut. Höre zu. Du wirst die erstaunlichsten Antworten bekommen. Beobachte.

Selbstbeobachtung

Was uns Eltern im Weg stehen kann beim Lernen außerhalb von Schulen, ist die eigene Geschichte. Nie werde ich eine schulfrei-Diskussion mit einer Freundin vergessen, in der sie mir empört mitteilte, warum es unverantwortlich sei unsere Kinder nicht zu beschulen, um nach einer Weile Gespräch herauszuplatzen: „Aber wenn wir Schule nicht brauchen, habe ich mir das umsonst angetan!“. Wow. Just wow. Das war einer der Momente, die mir klar machten, wie sehr der eigene Schmerz unsere Handlungen lenken kann.

Also nimm dich wahr. Gerade in diesen Zeiten, die vielleicht von Sorge geprägt sind oder deine bekannten Abläufe sabotieren, wird es besonders schwer sein, sich auf das kindliche Lernen einzulassen. Und umso wichtiger ist es. Wenn diese Krise uns eines zeigt, dann das: Wir haben nur uns. Wir sind füreinander verantwortlich. Alle.

Unsere Kinder sind ein Teil eines großen Ökosystems und es ist entscheidend, in welcher Welt sie aufwachsen.

Beobachte dich. Nimm dir Zeit, deine eigene Schulgeschichte und deine Ängste anzusehen. Es ist nicht falsch, sie zu haben, nur sie zu übertragen. Schnapp dir ein Tagebuch und schreibe deine Ängste auf. Lass dich sein. Du bist wertvoll und wunderbar, auch wenn dein Vertrauen vielleicht erst miniklein ist. Das gehört dazu.

Solange du klar hast, dass eure Beziehung wichtiger ist als das Durchsetzen von Lerninhalten, ist alles gut.

Ich weiß noch, wie ich am Anfang unserer schulfreien Reise ständig heimlich ‚pädagogisch wertvolle‘ Beschäftigungen für die Kinder organisiert habe und ehrlich, ich finde das okay. Suche dir Ressourcen.  Besucht virtuelle Museen. Kauft schöne Bücher. Hört euch Opern an. Macht chemische Experimente.

2. Ich habe keine Zeit

In einer kinderfeindlichen Gesellschaft gehen wir davon aus, dass Zeit mit Kindern stressig ist. Und nicht wenige von euch haben Angst davor, so viel Zeit, vielleicht sogar isoliert, mit ihren Kindern zu verbringen. Weil wir denken, dass das anstrengend ist. Dazu sage ich: Jein.

Ja, junge Menschen brauchen massiv viele Ressourcen und vieles, was Schule und Kindergarten machen, ist dafür gedacht, die intensiven Bedürfnisse junger Menschen zu organisieren, weil sie in dem Betreuungsschlüssel nicht geleistet werden können. Und ja, junge Menschen, die sonst ihre Eltern nicht um sich herum haben, sind oft erstmal (!) sehr anstrengend und müssen die Anwesenheit der Eltern/Bezugspersonen aufsaugen. Und ja, die Angst, die Isolation, die veränderten Abläufe können es nötig machen, dass dein Kind intensive emotionale Begleitung braucht.

Und nein. Denn Zeit ist IMMER da. Es ist komplett unsinnig Zeit in ‚meine Zeit‘ und ‚Zeit mit Kind‘ zu unterteilen und wir alle werden dank eines Virus nun darauf aufmerksam gemacht.

Unsere Kinder brauchen, dass unsere Bedürfnisse erfüllt sind.

Sie hängen mit ihrer physischen und psychischen Gesundheit davon ab (ich bin ehrlich – einer der Effekte, der mir Sorgen macht, ist die massive Zunahme von Gewalt in Quarantänehaushalten. Ich scherze nicht, wenn ich sage, dass erfüllte Elternbedürfnisse LEBENSwichtig sind für Kinder).

Es ist an Zeit, der Idee, dass Kinder kleine, fiese Energieräuber sind, abzuschwören, und unsere Bedürfnisse MIT Kindern zu erfüllen.

Du kannst zum Beispiel:

  • mit deinem Kind in die Badewanne steigen.
  • deine Zeiten (vor allem im Home Office) flexibler gestalten und so die Schlafzeiten der Kids nutzen.
  • den Unsinn lassen, den du sonst so mit den paar Minuten machst, die dir dein Kind gibt: Am Smartphone hängen, aufräumen… Es sei denn, das erfüllt dich. Dann immer munter los.
  • mit Freund*innen online Kontakte pflegen und ihr könnt den Kindern gegenseitig vorlesen oder sie am Bildschirm miteinander spielen lassen.
  • (mit deinem Kind) leckeres Essen kochen und den Tisch schön decken.
  • Vorlesebücher finden, die du selber auch magst.
  • auch Serien finden, die nicht nur deinem Kind, sondern auch dir gefallen.
  • gemeinsam Sport mit deinem Kind machen oder körperlich spielen (bei uns beliebt: Der Boden ist Lava).
  • eine Höhle unter dem Esstisch bauen und dich dort mit deinem Kind einkuscheln.

Was fällt dir noch ein, was du mit deinem Kind machen kannst, das die Bedürfnisse von euch beiden erfüllt? Schreib gerne in die Kommentare.

Ja, Kinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Ressourcen und ja, unsere vereinzelte Gesellschaft kann das kaum tragen. Aber unsere Kinder dürfen mit uns leben, mit uns lachen, sich langweilen und genervt sein, ohne dass ihr Kindsein uns Zeit nimmt. Diese toxische Idee steht friedvollem Miteinander im Weg. Lassen wir das.

Zu mehr Ideen zu Homeschooling und Home Office in Kombi empfehle ich übrigens meine Freundin Lena.

 

3. Was zählt?

Krisen sind in Hinsicht auf unsere Werte immer sehr faszinierend zu erleben. Wir erleben, wie die Welt, wie wir sie kennen, auseinanderbricht. Das kann beängstigend sein und es wird für einige von uns tödlich sein. Darüber dürfen wir nicht hinwegsehen. Gleichzeitig erlebe ich, wie wir erinnert werden an das, was wirklich wichtig ist.

Ich will nicht kleinreden, dass für manche Familien diese Zeit hart wird. Vielleicht habt ihr Sorge. Vielleicht werdet ihr erkranken. Vielleicht ist eure finanzielle Situation prekär. Vielleicht seid ihr psychisch erkrankt und eure Stabilitätssysteme brechen weg. Es wird für einige von uns schwer werden (zB für die Kinder, deren Schutzraum Schule/Kita jetzt wegfällt). Und genau deswegen müssen wir anderen für all jene da sein, denen es schlecht geht. (Genau deswegen haben wir bei den Weggefährt*innen einen dauerhaft offenen Zoom Raum eingestellt.)

Was ich auch sehe, ist, dass unsere Werte sich nun zeigen werden. Und das gilt auch für die Familie. Am Ende ist es egal, wie viel pädagogisch korrekte Sendungen mit der Maus das Kind geguckt hat und ob die Matheaufgaben gemacht sind.

Am Ende wird sich dein Kind an diese Krise als Erlebnis und Stimmung in der Familie erinnern. An deine Haltung. Deine Werte. Das zählt.