Gute Mütter kochen täglich frisch, lieben es, den Haushalt zu organisieren, halten gerne Dinge sauber, wollen stets bei ihrer Familie sein und haben auf gar keinen Fall Schreibabys!

So hab ich mir das unbewusst vorgestellt, das Muttersein. Ist alles anders gelaufen.

Hier geht’s zum Video:

Heute will ich euch etwas ganz Persönliches erzählen.

Wenn es um friedvolle Elternschaft geht, reden wir darüber, dass wir unsere eingefahrenen Nervenbahnen verändern wollen. Dass wir etwas lernen und umsetzen wollen. Dass es sich in unseren Köpfen und vor allem in unseren Herzen festsetzen soll. Ich glaube, um das zu erreichen, ist es auch wichtig, einander zu fühlen und miteinander in Verbindung zu kommen.

Wir Eltern sind gemeinsam auf dieser Reise.

Und deswegen möchte ich heute vorangehen und von dem Anfang meiner Reise in die Mutterschaft erzählen. Vielleicht kennst du das auch, viele von euch berichten davon.

In die Depression geschlittert

Ich habe den Boden unter den Füßen meiner Identität verloren. 

Als ich Kinder bekommen habe, hat sich meine Identität komplett geändert. Die Identität Mutter hat all meine anderen Identitäten (zB Ruth, Frau, weiß, …) überlagert. Und mit dieser neuen Identität schwappten lauter Erwartungen und Ideen über mich, die ich meinte, erfüllen zu müssen.

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2011 habe ich mein zweites Kind geboren, mein erstes Kind war zu dieser Zeit erst zweieinhalb, also noch sehr, sehr klein. Und mein zweites Kind schrie. Ununterbrochen. Mein Mann machte einen Job, den er hasste, ich studierte, hatte dafür aber gar nicht genug Zeit und war völlig überfordert. Ich bekam – völlig unbemerkt – postpartale Depressionen. Irgendwann fiel mir auf, dass mir alles immer egaler wurde. Mein Baby schrie und es war mir egal. Ich erlebte etwas schönes und es war mir egal. Ich erlebte etwas blödes und auch das war mir egal. Es war gruselig!

Es war, als habe jemand ganz dicke Kissen auf meine Gefühle gelegt.

Das einzige Gefühl, das ich noch fühlen konnte und das urplötzlich über mich kam, war Angst. Panische Angst. Ich hatte Angst, meine Kinder würden entführt. Einmal konnte ich die Küche nicht betreten, weil ich überzeugt war, dort stehe eine Person mit Waffe. Diese Ängste hatten weder Sinn noch Hintergrund.

Zum Glück habe ich sie rechtzeitig erkannt. Und zum Glück habe ich meinem Partner sagen können, dass es mir nicht gut geht. Das war zwar nicht so ausführlich, wie ich es euch heute erzähle, dafür habe ich mich zu sehr geschämt, aber immerhin so eindrücklich, dass er mich zur nächstbesten Sprechstunde schliff, wo mir geholfen wurde. Es war ein großes Glück, dass er so überzeugt und beherzt eingegriffen hat, denn ich denke, diese rasante Entwicklung – innerhalb weniger Wochen war jegliche Lebensfreude aus mit gewichen – hätte schlimm enden können.

Identitäten anpassen

Als ich wieder stabilisiert war mit Hilfe von Medikamenten und dem Therapeuten, den ich mir gesucht hatte, stellte ich fest, dass ein wichtiger Auslöser für meine postpartale Depression war, dass ich die Identität Mutter nicht an mich angepasst hatte. Stattdessen hatte ich eine ganz genaue Vorstellung, wie ich als gute Mutter zu sein habe, die aber nichts mit mir, sondern mit kulturellen Überfrachtungen zu tun hatte.

Meine anderen Identitäten hatte ich gut an mich angepasst. Ich habe beispielsweise sehr eindrücklich definiert, was mein Frausein ist. Da konnte ich mich bereits so gut wie möglich von den absurden Erwartungen, die die Gesellschaft an Frauen hat, frei machen. Aber das Muttersein, diese doppelte Diskriminierungsebene, diese Erwartungen, die überall auf mich einprasselten, darauf war ich nicht vorbereitet.

Ich hatte das nicht bewusst. Und wie immer ist Bewusstmachung die Hälfte des Weges. Als ich erkannte, welchem Bild ich entsprechen wollte, war auch schnell klar: Ich konnte nur scheitern. Ich bin eine relativ schreckliche Köchin und der Haushalt interessiert mich nicht. Stattdessen lese ich lieber. Das ist nicht besonders praktisch, nicht besonders lebensnah, ich geb es zu. Aber das ist es, was ich liebe. Abnerden vor dieser Kamera. Arbeiten, Studieren. Außerdem bin ich auch heute noch nicht gerne 24/7 mit meinen Kindern zusammen, ich bin gern alleine, ich bin nämlich ein sehr introvertierter Mensch. Ich mag es, allein zu sein, daraus zieh ich meine Kraft. Ich bin auch gern mit meiner Familie und anderen Menschen zusammmen, aber ich brauche diesen Rückzug.

Und all das kollidierte mit meinem Bild vom Muttersein.

Es war das Gegenteil von dem, was ich bin, wo meine Stärken sind.

Seit ich diese Ideen Schritt für Schritt mit ganz viel Hilfe loslassen konnte, kann ich übrigens auch mal kochen, kann ich was im Haushalt machen, ohne Druck zu verspüren, alles perfekt machen zu müssen. Ich habe den Gedanken zum Glück hinter mit lassen können, das Ergebnis meines Kochens und Putzens würde bewertet und zeige, ob ich eine gute Mutter bin.  Es hat eine Weile gebraucht.

Wer bist du?

Ich halte diese vorgefertigten Elternbilder für wahnsinnig schädlich.

Lasst uns unser Elternsein in die Hand nehmen und sagen, wer und wie wir sind:

  • “Ich bin die Mutter, die voller Freude arbeiten geht und dauernd Quatsch macht.”
  • “Ich bin die Mutter, die liebend gern aufwändige Gerichte kocht, während die Kinder am tablet hocken.”
  • “Ich bin der Vater, der Rollenspiele albern findet und ich springe gern mit den Kindern auf dem Trampolin.”
  • “Ich bin die Mutter, die die spannendsten Geschichten erzählt, und ich hasse es, zu kochen.”
  • “Ich bin die Mutter, die es gerne still um sich hat, aber unser Badezimmer putze ich zu lauter Musik.”
  • “Ich bin der Vater, der tanzend mit Baby auf dem Rücken staubsaugt und ich zocke Ballerspiele an der Konsole.”
  • “Ich bin die Mutter, die immer liest, anstatt die rumpeligen Kinderzimmer aufzuräumen.”
  • “Ich bin die Mutter, die froh über die gute Kita ist, denn ich liebe meinen Job und will außerdem in Ruhe einkaufen.”
  • “Ich bin die Mutter, die aus dem Familienbett ausgezogen ist, ich kann so einfach nicht schlafen.”

Wer und wie bist du? Schreib es voll gerne unten in die Kommentare!

Wir sind genau das, was wir vorher auch schon waren, nämlich Menschen. Menschen, die jetzt verantwortlich sind für junge Menschen. Ich wünsche uns, dass wir vorgefertigte Elternbilder auflösen und eigene entwickeln können.

Du kannst der Elternteil sein, der du bist. Und nichts anderes. Mach das nicht so wie ich.

Such dir das Ideal, das du eh schon bist. Perfekter wird es nicht.

Wie geht es dir damit? Hast du ähnliches erlebt? Ich finde es so wichtig, dass wir über diese kulturellen Konstrukte sprechen, was sie mit uns machen, wie sie uns und friedfertiger Elternschaft im Weg stehen. Wollen wir bei den Weggefährt*innen darüber plaudern?

Ich danke dir fürs Lesen und ich danke mir für meinen Mut.