In unserem Seminarraum herrscht Stille. „Aber“ bricht es aus ihm heraus, „aber ich kann doch nicht so sein! Das will ich nicht!“

Die anderen müssen ein bisschen grinsen. So offensichtlich ist es bei anderen, wenn sie im Rama-Familien-Ideal stecken, wie ich es gerne nenne, und so schwer zu erkennen, wenn wir selber da reinlaufen.

 

 

Die Rama-Familie

 

Die Rama-Familie ist wie Dolores Umbridge bei Harry Potter: Süß, rosa, lächelnd – und grausam. Die Vorstellung, wie alle lächelnd und glücklich um den Frühstückstisch sitzen, und DAS ist dann Familie. Wie alle nie streiten, und DAS ist dann Familie.

 

Und, wie ich immer wieder feststelle – nicht zuletzt an mir – wir weiten das auf uns selber aus.

 

Rama-Eltern spielen gerne.

Rama-Eltern sind nie schlecht gelaunt.

Rama-Eltern haben keine schwierigen Lebensumstände.

Rama-Eltern erleben keinen Verlust und die herzzerreißende Trauer.

Kurz: Sie sind die Normalversion von Familie. Die, mit denen wir uns vergleichen. So wie der Papa oben aus dem Seminar, was ich kürzlich gab. Er fand, er müsse anders sein und dann sei er perfekt. Dann sei er richtig unerzogen/bedürfnisorientiert/whatever.

 

Das Problem daran: Wir alle haben eine Persönlichkeit. Und das bedeutet, dass wir Eigenschaften und Charakterzüge haben, die uns ausmachen. Es gibt Menschen, die mögen einfach kein körperliches Spiel. Denen wird es schwer fallen, mit ihren Kindern zu toben. Es gibt Menschen, die temperamentvoll und aufbrausend sind, die tendieren eher nicht zu super geduldigen, immer ausgeglichenen Eltern.

 

Und wenn wir das nicht anerkennen, bekommen wir mehrere Probleme.

 

 

Der Prototyp Eltern und warum er ein Problem ist

 

1. In deinen Macken und deiner Einzigartigkeit liegt deine Stärke

 

Ich könnte immer weinen, wenn Eltern sich selbst mit abwertenden Worten bezeichnen: Faul, flippt ständig aus, ungeduldig, schwierig, hat ne Macke mitbekommen… Denn das zeigt mir, dass du den Schatz noch nicht gesehen hast. In deiner – vielleicht einseitigen – Ausprägung von Eigenschaften liegt so viel verborgen!

 

Ja, vielleicht regst du dich schnell auf, aber vielleicht brauchst du das auch, um gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt zu kämpfen. Vielleicht bist du rational und analytisch und es fällt dir schwer, Emotionen zu zeigen (hallo, Ruth!), aber damit kannst du Dinge sehen, die andere vielleicht nicht so sehen können (so wie Greta Thunberg).

 

Ich glaube, wir sind als Eltern nicht dazu verdammt, alle Eigenschaften nachzubilden, die wir für richtig halten (und es ist sinnlos). Wir können nur das, was wir haben, bestmöglich nutzen. Und das wiederum geht nur, wenn wir aufhören uns zu beschämen. Womit wir beim nächsten Thema sind.

 

 

2. Elternrollen in unseren Köpfen verursachen Scham

 

Als unser Sohn geboren wurde, war ich 20 und der festen Überzeugung, dass ich keine ‘richtige’ Mutter bin. ‘Richtige’ Mütter kochen – wenn ich koche, fragen meine Kinder alarmiert, ob Papa krank ist. ‘Richtige’ Mütter arbeiten nicht und genießen die Zeit mit ihren Kindern – ich wollte studieren und arbeiten und langweilte mich mit meinen Kindern. ‘Richtige’ Mütter gingen zur Babymassage und plauderten mit anderen Müttern im Cafe – ich tat das wegen der grausamen Einsamkeit der Erstmütter auch, langweilte mich dabei aber ebenfalls zu Tode und las beim Kinderturnen immer heimlich Studienliteratur.

 

Ich hätte alle diese Sätze noch vor wenigen Jahren nicht schreiben können. Weil ich mich geschämt habe. Weil mir, so scheint es, die fürsorglichen Eingenschaften, die emotionale Offenheit und die Begeisterung im Umgang mit meinen (Klein-) Kindern fehlte. Und das ist definitiv falsch für eine Frau und Mutter.

 

Scham jedoch führte dazu, dass ich litt und dann meine Kinder anschrie, die nunmal gar nix für meinen Mindfuck und das Patriarchat können. Scham führte dazu, dass ich Veranstaltungen mitmachte und Besuche zusagte, die mir nicht gut taten. Scham führte dazu, dass ich das Theater ‘so müssen Mütter sein’ auch für andere aufrecht erhielt.

 

Und das ist natürlich Schwachsinn. Eltern sein und Kant wälzen ist genau so in Ordnung, wie Eltern sein und Spielplätze geil finden. Eltern sein und arbeiten wollen auch (das muss ja nicht bedeuten, dass das Kind deswegen außer Haus betreut werden muss, übrigens). Eltern sein und  Weltreisen machen ist genau so okay, wie dein Reihenhaus in Stuttgart mit Gartenzwergen davor lieben. Es ist ALLES okay. Es ist dein fucking Leben.

 

Übrigens sage ich damit NICHT, dass du die Bedürfnisse deines Kindes ignorieren sollst. Als ich wieder studierte, blieb der Papa zu Hause und als die Kinder nicht mehr in Kindergarten und Schule gingen, suchte ich mir meine Online-Tätigkeit, um meine Zeit flexibel einsetzen zu können. Und es gibt viele solcher Lösungen.

 

Ich sage nur: Du zählst. Und du bist, wie du bist. Scham und Schuld zerstören dir die Möglichkeit nach Lösungen zu suchen und machen dich zum Problem. Und DAS ist niemals im Sinne einer friedvollen Elternschaft

 

 

3. Kinder sind nur so zufrieden wie ihre Eltern

 

Wenn du nicht liebst und anerkennst, wer du bist, woher soll das dein Kind können?

Wenn du nicht Lösungen findest, die auch für dich passen, nicht nur für alle anderen, was für ein Beispiel bist du?

Wenn du Anteile an dir unterdrückst, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind das mitbekommt, bewusst oder unbewusst?

 

Drei rhetorische Fragen, zugegeben, aber wichtige. Kompromisse auf unsere eigene Haut zu machen, ist verbreitet in jungen Familien, denen Gewaltfreiheit wichtig ist. Und das finde ich schade. Denn sie untergraben direkt die Gewaltfreiheit wieder und setzen ein fragwürdiges Exempel.

 

Zu leben (und ggf erstmal kennenzulernen), wer du bist mit allen schillernden Facetten, ist nicht irgendwie nett. Es ist notwendig als Grundlage für friedvolles Miteinander. Deine erfüllten Bedürfnisse erst machen dir möglich, dein Gehirn auf neue Verhaltensmuster zu trainieren. Deine Wahrnehmung deiner Selbst erst macht es dir möglich, dich anzunehmen und damit den Raum für die Andersartigkeit anderer zu haben.

 

Empathie und Zuneigung haben Voraussetzungen. Und selbst wenn du gerade brennende Themen hast und nicht weißt, wie du anfangen sollst und wo – fang am gefühlt anderen Ende an: Bei dir. Gönn dir mehr von dem, was du willst. Lerne dich kennen. Probiere dich aus. Genieße dich. Und dann geh zurück in die Interaktion. Obwohl sich scheinbar am Problem selber nichts geändert hat, wirst du feststellen, dass du anders reagieren kannst.

 

DAS ist die Power der Empathie. Die gilt auch für uns selbst.

 

 

4. Sei ein Vorbild für andere Eltern

 

Ganz ehrlich: Das Beste, was mir passieren konnte, waren Eltern, die auf ihre zugewiesenen Rollen geschissen haben. Die schlecht gelaunt waren, die ihr Ding machten, die arbeiteten, reisten, liebten und lebten, wie sie das gut fanden.

 

Das zu erleben, ist wundervoll. Vielleicht hast du in deinem Umfeld auch so jemand, der*die ohne weitere Entschuldigungen lebt, wer sie*er ist. Schüchtern oder laut, temperamentvoll oder eher gedeckt – es geht nicht um das was, sondern das wie. Eine Kraft geht aus von Eltern, die lieben, wer sie sind, ohne dass sie sich vormachen, dass das immer ideal wäre. Und davon brauchen wir mehr in dieser Welt.

 

Brechen wir die Ideen, wie Elternschaft zu sein hat. Zerstören wie die Rama-Familie und ersetzen wir sie mit dem, was wir schon SIND. Und aus dieser Anerkennung können wir dann auch wachsen, nicht aus Scham, sondern in Freude.

 

 

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