Elternschaft ist eine einsame und verwirrende Geschichte in der weissen westlichen Welt. Wir können nicht mehr tun, was die Generation vor uns getan hat, zumindest nicht, wenn wir ein Gewissen oder ein bisschen Bildung zum Thema Elternschaft haben. Aber wir wissen nicht, was nun tun.
Das ist erstens gar nicht schlimm und zweitens der Ort, an dem die fucking Revolution statt findet.
Was sind typische Fehler, die Eltern hier aber machen? Reden wir drüber.
1) Du fragst dich, was die richtige Art ist
Weisst du, das Blöde ist, dass du eh nicht weisst, ob das richtig ist, was du machst. Vielleicht (!) wird dein Kind dir irgendwann mal sagen, dass es wirklich in dem Kindergarten gelitten hat, den du für es ausgesucht hast. Ja. Aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass du es niemals erfahren wirst, ob diese komische Erzieherin dort einen Schaden angerichtet hat.
Und dann halt: Was IST denn richtig? Im philosophischen Sinne ist das eh nicht eindeutig zu beantworten, klar, können wir nun diskutieren.
Aber. Das Ding ist. Während du rumdenkst, vergeht das Leben und das was richtig sein könnte wird mit nichts tun ersetzt. Da muss ich dem Vorwurf Recht geben gegenüber friedvoller Elternschaft – dass wir dazu tendieren, nichts zu tun. Wegen Angst vor “FAAAALSCH”.
Und was du alles verpasst: Unperfekte Lösungen. Fehler machen und dich entschuldigen. Kleine Momente der Verbindung die völlig unperfekt sind.
2) Du glaubst, es gibt eine Methode
Gibt es nicht. Ja, ich weiss, Social Media ist voll von “sag das, tu dies”, aber es ist eben nicht so, dass das funktioniert. Es beginnt mit deinen individuellen Umständen, Fähigkeiten und deinem Kind, es endet mit deinen Überzeugungen und deinem Temperament.
“Diese fünf Formulierungen…” klickt sich gut und fühlt sich geil an. Aber ganz ehrlich, wo ist denn da die Beziehung zu deinem lebendigen Kind? Wo bist da du? Was ist mit DEINER Art zu reden? Mal abgesehen davon, dass Sprache auch spiegelt welcher Klasse wir zugehören und dass “nur” bestimmte Zugehörigkeiten in Elternschaft gedacht werden, ist ja eh ein grosses Problem.
Für nahe Beziehungen gibt es keine Methode. Es gibt Liebe, es gibt Nähe und Miteinander. Es gibt keine Methode. Kann es nicht. Denn Methode und Beziehung können nicht gleichzeitig existieren. Jemand, an dem eine Methode angewendet wird, wird manipuliert. Und jemand, mit dem wir in Beziehung sind, KANN nicht manipuliert werden.
Lass die Methoden. Lass dich halt ein auf das Chaos mit den Kindern, auf die Unsicherheit.
3) Du bist obsessed mit dem Verhalten vom Kind
Es gibt einige Gründe für dieses Verhalten.
Du hast gelernt, dass dein Kind deine Wert ausmacht. Dein Kind ist frech? Du hast versagt. Es ist schlecht in der Schule? Du hast versagt. Es wird sauer? Du hast… You get it.
Meine Fresse, das ist so tief drin und echt schwer zu überwinden. Und natürlich ist es sexistisch, weil das betrifft Frauen* als Eltern.
Eine andere Erklärung kann sein, dass du Angst hast. Vielleicht davor, dass deinem Kind etwas spezielles passiert (meist etwas, was selbst erlebt wurde) oder eher allgemein, weil du mehr zu Angst neigst. Das ist fein.
Es kann AUCH sein dass du so gross geworden bist, dass alles an deinem Verhalten als Kind gemessen wurde, nicht an der Gesamtheit der Familie. Eine Art, wie wir Kinder entmenschlichen, ist, indem wir ihr Verhalten mit Bedeutung überfrachten während sie sich nicht wehren können. Wie viele Eltern glauben, dass hauende Kleinkinder dringend lernen müssen, sozial zu werden anstatt das Verhalten als ANGEMESSENE Reaktion für kleine Kinder zu sehen und ihnen zu helfen?! Jup. Chances are, das wurde mit dir gemacht.
Was bedeutet, dass du auf das Verhalten von deinem Kind achtest. Sehr. Dabei ist für eure Beziehung VIEL WICHTIGER, wie es euch miteinander geht. Wie streitet ihr? Wie repariert ihr? Wessen Bedürfnisse zählen? Das ist, worum es geht.
4) Du hast ein schlechtes Gewissen
okay, vorweg: Schlechtes Gewissen ist an und für sich ist hilfreich. Du machst einen Fehler und dann fühlt es sich neurobiologisch schlimm an? Herzlichen Glückwunsch, du bist kein*e Psychopath*in. Du hast Verhalten gezeigt was nicht deinen Werten entspricht. Das tut weh. Gut so.
Was ich aber hier meine ist SCHAM. In meinem Buch habe ich sehr viel darüber gesprochen, wo Scham herkommt. Und warum sie total funktional ist (wir würden ohne Scham in Eltern echt was verändern müssen als Gesellschaft aber hey, wenn Eltenr sich selbst beschämen und denken sie sind der Fehler, wie PRAKTISCH). Hier will ich darüber sprechen, warum es ein Fehler ist, mit Scham zu arbeiten.
Scham tut mehrere Dinge:
- sie entfernt dich von dir weil es fühlt sich schrecklich an, sich zu schämen und wir tun alles dafür, das nicht zu fühlen
- sie macht uns anfällig für gewalttätiges Verhalten
- sie verhindert, dass wir gute Lösungen finden
- sie verhindert sogar, dass wir das Problem wirklich sehen
Je neutraler wir uns selbst begegnen, desto besser und hilfreicher. Lass die Scham und werde neugieriger. Das ist, was deine Elternschaft besser macht.





Methode und Beziehung können nicht nebeneinander bestehen. Wer Methode anwendet, manipuliert. Ich empfinde diesen Widerspruch auch bei meiner Arbeit als Erzieher und habe das Gefühl, dass sich auch Einrichtungen in der Hinsicht weiterentwickeln müssten. Und wäre für Vorschläge dankbar.:)