Es ist wieder soweit.

Wir müssen offensichtlich wieder darüber reden, dass Kinder bestrafen nicht cool und Grenzen nicht nötig sind. Dabei sah es eine Weile so gut aus – die Arbeit der letzten 10 Jahre schien echte Früchte zu tragen. Gewalt an Kindern ging zurück, wir hörten auf über Tyrannen zu reden und die Bestsellerlisten waren voll von hilfreichen, bedürfnisorientierten Büchern.

Und jetzt haben wir ein Problem.

Wie in allen Gesellschaftsbereichen in den letzten Jahren setzt eine konservative, rückwärtsgerichtete und populistische Stimmung ein, die bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern ablehnt.

Klar, es ist jetzt einfach, Einzelne zu nennen, aber wir reden da eigentlich nur von Menschen, die die Stimmung aufgreifen. Wissenschaftliche Argumente oder sachliche Diskussionen? Hinfällig. Es fühlt sich irgendwie doof an, nett zu Kindern zu sein und dann rechtfertigen wir eben das.

Menschlich? Voll. Gefährlich? Aber hallo.

Frustrierend, stressig, aber gut, wie meine Kollegin Susanne Mierau hofft, vielleicht werden wir dann wieder Punk.

Zurück zum Sand.

Eine große Influencerin (die mich mittlerweile blockiert hat) hat mit ihrer Schilderung Wellen geschlagen, bei der sie ein Kind vom Strand entfernt hat, weil es Sand geworfen hat. Die Begründungen waren eben jener populistische Mist, den ich eben geschildert habe: Unklar, unwissenschaftlich, aber halt irgendwie nett.

Aber was macht man denn nun in der Sand-Situation?!

Gehen wir rein.

Warum wirft mein Kind Sand?

Nun, erst einmal ist das ehrlich gesagt egal. Wir müssen schon die Prioritäten da setzen, wo sie Sinn machen: Im Schutz vom Umfeld. Sind Menschen, Hunde, leckere Kuchenstücke in der Nähe? Nein? Cool, weiter am Strand abhängen. Ja? Dann haben wir ein Problem.

Und das Problem ist NICHT, dass das Kind Sand wirft. Das Problem ist, dass wir für den Schutz von anderen vor unserem Kind zuständig sind.

1. Schutz etablieren

Als Erstes interessiert uns also, dass andere Menschen, Tiere und Gegenstände geschützt sind. Kann ich mich dazwischen stellen? Die anderen bitten, woanders hinzugehen? Das Kind umlenken (“wirf bitte da hin”)?

2. Kein Nein

Üblicherweise sprechen wir bei Sand werfenden Kindern nicht von 12jährigen. Das bedeutet, wir müssen die Hirnreife des Kindes mit reinnehmen. Impulskontrolle? Vergiss es. Und dein Nein kann es auch nicht hören. Sag, WAS ES TUN DARF. Wo es hinwerfen darf. Biete ein anderes Spielzeug an.

Aber – lernt das Kind dann nicht, dass es okay ist, Sand zu werfen?!

Und hier ist es wirklich wichtig, dass wir ein bisschen Fachwissen einwerfen.

Erstens: Lernen funktioniert so nicht. Niemand lernt Rücksicht durch erzwungenes Vortanzen von Verhalten, was dem schlechten Gewissen der Eltern dient. Wir lernen Empathie, Mitgefühl und Rücksicht durch WIEDERHOLUNG und durch VORLEBEN.

Zweitens: Menschen lernen soziales Verhalten nicht durch die Anwendung von Macht und Unterdrückung.

Du kannst dem Kind verbieten, Sand zu werfen und es belehren, warum es das nicht soll (sinnlos, weil Hirnreife, aber gut). Dann hast du aber vor allem demonstriert, was du NICHT willst, dass es das Kind macht: Machtgebrauch und der Zwang vom Gegenüber.

Aber was, wenn Ablenken oder Umlenken nicht funktioniert?

Was wenn ich noch drei andere Kinder habe und mein Kind komplett ausrastet? Was, wenn ich KEINEN BOCK habe?

Fair. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben.

Nur, dann sei halt auch ehrlich: Du kannst das Kind gerade nicht altersadäquat begleiten. Das Kind hat nix falsch gemacht. Es ist einfach doof, für alle. Kann man sagen und dann vom Strand abziehen. Was anderes machen. Ein Kissen boxen gehen.

Beziehungsqualität entsteht nicht, wo wir immer freudige tolle Lösungen finden, sondern in der Art, wie wir daran scheitern.

Also ja, vom Strand weggehen kann eine Lösung sein. Für dich, deine Ressourcen und um den Schutz anderer zu sichern. In dem Moment, in dem ich das mache, damit mein Kind in Zukunft das Verhalten unterdrückt, ist es aber Gewalt. Und das müssen wir in einer Welt, in der die Linie zwischen dem, was Gewalt ist und was wir lieber mit Euphemismen verkleiden, benennen.