„Friedvolle Elternschaft ist immer nett und freundlich.“ LÜGE!!

„Friedvolle Eltern haben immer gute Laune.“ LÜGE!!

„In friedvoller Elternschaft gibt es keine negativen Gefühle.“ LÜGE!!

Wie sind wir darauf gekommen, dass friedvolle Elternschaft nette Elternschaft ist?

Was ist denn los mit uns? Was haben wir uns dabei gedacht? Wieso glauben wir, dass nur freundliche, warme, nette Worte friedvoll sind?

 

 

Weiter geht es mit unserer Serie, in der es um all die Lügen geht, die wir uns über Attachment Parenting, friedvolle Elternschaft, unerzogen und über Bedürfnisorientierung erzählen.

Es ist Zeit für tiefere Diskussionen!

Ich habe 2016 angefangen zu bloggen und stehe seitdem in der Öffentlichkeit mit meinen Gedanken über friedvolle Elternschaft. Meiner hoffnungsvollen Beobachtung nach, bewegen wir uns – langsam, aber sicher – weg von diesem oberflächlichen „Dann lernen die Kinder das ja niemals.“ und der Idee, Gehorsam sei etwas Gutes, wenn wir von Konsequenzen statt von Strafen sprechen.

Friedvolle Elternschaft ist nicht nett!

Friedvoll sein ist in meiner Definition ein Ausrichten an Werten und nicht am Tonfall. Es ist die Organisation meines Lebens, meiner Kommunikation und meiner Entscheidungen um das herum, womit ich dieses Leben füllen will, um das herum, was ich hinterlassen will, wenn ich einmal nicht mehr da bin.

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Friedvolle Elternschaft bedeutet nicht, nett zu sein!

Sie ist kein bestimmter Kommunikationsstil. Sie ist noch nicht einmal die Abwesenheit von Emotionen wie Genervtheit, Unfreundlichkeit, Traurigkeit oder Angst. Es wäre unmenschlich, das zu verlangen. Würden wir das tun, könnten wir das ganze Projekt friedvolle Elternschaft an den Nagel hängen und nie wieder nutzen, denn das würde bedeuten, dass wir keine Menschlichkeit wollen. Und das wird nichts!

Ich glaube, genau diese Vorstellung ist es, die manche Menschen davon abhält, sich mit friedvoller Elternschaft zu beschäftigen: „Friedvolle Elternschaft ist unmöglich zu erreichen, weil ich da immer perfekt, tiefenentspannt, freundlich und nett sein muss. Das können sich nur extrem privilegierte Leute leisten. Das ist also nichts für mich und ich brauch mich damit nicht weiter auseinandersetzen.“

Friedvolle Elternschaft wirkt nett, weil die normalisierte Unfreundlichkeit gegenüber jungen Menschen runtergefahren wird.

Friedvolle Elternschaft hat mit Nettigkeit nicht besonders viel zu tun. Sie ist durchaus freundlicher und zugewandter gegenüber jungen Menschen, was einfach aus einer Notwendigkeit heraus entsteht, wenn wir unseren Umgang mit jungen Menschen hinterfragen, wenn wir hinterfragen, wie wir über junge Menschen denken, welchen Umgang wir für normal halten. Als normal wird ein gewaltvoller, abwertender, unfreundlicher Umgang angesehen. Der Normalfall ist, dass Kinder angeherrscht werden, dass ihnen Dinge unterstellt werden, dass ihnen gesagt wird, sie seien frech oder dreist, würden Leute ausnutzen oder seien egoistisch und nicht sozial. Alles Dinge, die wir unter Erwachsenen als extrem übergriffig und unfreundlich identifizieren würden. Stell dir mal vor, wir würden zwei erwachsene Menschen sehen, die sehr eng miteinander verbunden sind und einander im Normalfall solche Dinge sagen. Das würde uns alarmieren. Oder nicht?

Insofern ist friedvolle Elternschaft schon freundlicher, aber nicht im Sinne von „immer nur nett“. Es wirkt nur nett, weil die normalisierte Unfreundlichkeit gegenüber Kindern runtergefahren wird, weil es nicht mehr normal ist, Kinder anzuschreien, zu erniedrigen, zu ignorieren oder auch – was vermutlich noch viel öfter passiert – schlicht Schlechtes von ihnen zu erwarten. Zu erwarten, dass sie schlechte Menschen sind, ihnen zu sagen, was uns gerade an negativen Urteilen über sie durch den Kopf huscht.

Die Abwesenheit von Gemeinheit bedeutet nicht, dass ich immer nur gut gelaunt bin.

Ich kann sehr wohl einen schlechten Moment haben und ich bin ein großer Fan von Ehrlichkeit, du kennst mich, du kennst meine Arbeit, du weißt, ich bin nicht der Typ nett und kuschelig. So bin ich auch gegenüber meinen Kindern nicht. Ich glaube, der Unterschied ist, dass wir denken, wenn ich die Gewalt bleiben lasse, dann lasse ich es auch bleiben, überhaupt Feedback zu geben. Und das ist ein ganz großes Missverständnis.

Die große Lüge: Entweder Gewalt oder gar keine Gefühle.

Gewalt ist übrigens überhaupt kein Ausdruck von Gefühlen, sondern eher ein Ausdruck von eigenen Dysfunktionen – aber das führt zu weit für diesen Beitrag.

Friedvolle Elternschaft ist echt.

Die Frage ist nicht, wie ich möglichst nett sein kann, sondern:

Wie kann ich mich echt ausdrücken, ohne andere Leute zu beleidigen, zu erniedrigen oder Aussagen über mein Kind zu tätigen?

Das ist das, was wir hier machen beim Kompass und bei den Weggefährt*innen. Das Ziel ist nicht netter und entspannter zu werden. Oft geht das allerdings damit einher, wenn ich anfange, mich mit Fragen wie Folgenden auseinanderzusetzen:

  • Wie sehe ich mein Kind?
  • Wie reagiere ich, wenn mein Kind ein anderes auf dem Spielplatz haut?
  • Wie kann ich gewaltfreier reagieren?

Wenn ich mir dazu Gedanken mache, mich austausche und lerne, werde ich oft automatisch geduldiger und freundlicher, aber das bedeutet nicht, dass ich es super finde, wenn mein Kind ein anderes verhaut und auch nicht, dass ich keine Gefühle habe in diesem Moment.

Ich kann sehr starke Gefühle gegenüber meinem Kind haben, ohne gewalttätig zu sein. Ich kann sehr starke Überzeugung gegenüber meinem Kind haben und auch vertreten. Ich kann Konflikte haben, ich kann Probleme mit meinem Kind haben, ohne dass das bedeutet, dass ich weniger friedvoll bin.

„Sei nicht nett, sei echt!“ Kelly Bryson

Ich sehe ganz viel moderne Erziehung, in der die Erwachsenen verzweifelt versuchen, immer freundlich zu sein. Das ist dieses passiv aggressive: „Franz-Ferdinand, hör doch mal bitte auf mit der Schaufel nach anderen Kindern zu hauen.“, wenn ich eigentlich sagen will: „Alta!! Was ist denn los? Schnuckelein, nimmst du mal deine Schaufel aus dem Kopf von dem anderen Kind!? Ich glaub, es harkt! Ich glaube, wir beide müssen mal rausfinden, was hier los ist.“

Ich kann Rückmeldung geben, ohne mich zu verstellen.

Dieses Nettsein ist, glaube ich, eigentlich ein Ausdruck von Verzweiflung. Das ist total traurig, denn es bedeutet, dass ich jenseits von Gewalt nicht weiß, wie ich mich verbinden kann. Wenn ich keine Gewalt anwenden will, fällt mir nichts anderes ein, als eine nette Maske aufzusetzen, die meine echten Gefühle verdeckt, weil ich einfach nicht weiß, wer ich bin und wie ich mich in Verbindung setze mit Anderen.

Friedvolle Elternschaft ist Arbeit an uns selbst.

Wir müssen uns selbst kennen, um anderen ein authentisches Feedback unserer Gefühle und Bedürfnisse geben zu können. Das ist Arbeit!

Die Frage bei friedvoller, bedürfnisorientierter Elternschaft ist:

  • Wie kann ich diese Dinge, die menschlich sind, die anstrengend sind, die schwierig sind, so gestalten, dass ich nicht mehr die Abkürzung Gewalt nehmen muss?
  • Wie kann ich die so gestalten, dass mein Kind sich sicher fühlt?
  • Wie kann ich bessere Alternativen finde zum Anschreien, Schimpfen und Erniedrigen?
  • Wie kann ich unser Leben so gestalten, dass ich mein Kind unterstütze und ich selbst bleibe?

Also nein, friedvolle Elternschaft ist nicht nett. Sie ist nicht heiteitei, wir kritisieren nie ein Kind, wir sind immer nur gut drauf. Es ist vielmehr:

  • Wie kann ich klares Feedback geben, ohne anderen Menschen Gewalt anzutun?
  • Wie kann ich gut für mich da sein, für meine Gefühle, meine Vergangenheit, meine Traumata, meine Themen, ohne mein Kind einzuschränken?

Die Antwort ist oft: Irgendwie. Die Antwort ist eine Annäherung. Die Antwort sind Versuche. Die Antwort ist scheitern.

Da ist es natürlich einfach an der Seitenlinie zu stehen und zu sagen: „Friedvolle Eltern sind ja immer alle oberfreundlich, es gibt keine Grenzen und die armen Kinder werden ja niemals lernen, im Leben zurecht zu kommen.“ Na klar ist das einfacher, als mir so harte Fragen zu stellen wie: „Halte ich es mit meiner Essstörung aus, dass mein Kind gerade mit dem Essen spielt? Wie kann ich Unterstützung finden, ohne mein Kind einzuschränken? Wie kann ich respektvoll gegenüber meinem Kind, diesem eigenständigen Wesen, bleiben und ihm die Feiheit geben, einen eigenen Umgang mit Essen zu finden?“

Das sind keine einfachen Fragen. Das sind zufällig aber die Fragen, die wir hier beim Kompass und den Weggefährt*innen total gerne beantworten. Es ist unser täglich Brot, schwierige, individuelle Situation helfend zu lösen. Keine Anleitung, wie du netter wirst.

Boah, ich glaube, wir brauchen mehr echte Leute und keine netten.