Das hier wird ein sehr persönlicher Text, in dem ich dir erzählen will, was ich im letzten Jahr über das Leben und damit auch über das Zusammenleben mit anderen Menschen und vor allem mit jungen Menschen gelernt habe. Manche Sachen sind nicht neu, sondern Dinge, über die ich hier schon oft gesprochen habe. Und manche Dinge waren neu und anders. Und alles davon war hart.

Zum Audio hier entlang:

 

Ich möchte von mir berichten. Ich weiß, dass ich gerade die letzten Monate nicht besonders viel geteilt hab über mein Leben. Das lag daran, dass mein letztes Jahr verflucht hart war. Ich hab mehrere schwere Krisen gehabt. In der Krise zu teilen, dass ich in der Krise bin, diesen Mut und diese Verletztlichkeit habe ich nicht aufgebracht. Um ehrlich zu sein. Inzwischen folgen mir so viele zehntausende von Menschen, dass ich mich da nicht mehr so verletzlich zeigen konnte.

Aktuell hab ich das Gefühl, ich komm da so langsam wieder raus und kann teilen, was ich gelernt, habe. Denn das ist ja das Schöne, dass wir in solchen Krisen alte Dinge nochmal lernen – die wir eigentlich schon wissen, aber nochmal auf einer anderen Ebene lernen. Und dass neue Dinge hinzukommen.

Fangen wir an.

1. Alles ist fragil.

Ich habe gelernt – und das ist etwas, worüber wir hier immer wieder sprechen – wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Das letzte Jahr, die Coronapandemie, die Dinge, die in meinem Leben passiert sind, waren geprägt von:

Ich kann nicht kontrollieren, was passiert.

Ich hab gedacht, ich lebe hier in Portugal mit meiner Familie, mit meinen Tieren, kann reisen, kann Leute einladen, hab ständig Besuch, wir bauen hier unser Projekt auf und alles ist super schicki. Und dann kam die Coronakrise und plötzlich waren Grenzen dicht. Als wir ausgewandert sind, sind wir extra in der EU geblieben, damit wir immer “in der Nähe” meiner Familie in Deutschland sind, und jetzt hab ich meine Familie fast ein Jahr nicht mehr gesehen. Und ich vermisse sie.

Dinge, die ich für selbstverständlich und sicher hielt, sind verletztlich und fragil. Das ganze Leben ist fragil.

Der Anti-Adventskalender 2021

24 Wege zu mehr Frieden

Jeden Tag ein Impuls in dein Postfach. Jeden Tag ein Gedanke. Jeden Tag ein Schritt.

Du erhältst zusätzlich regelmäßig Impulse und Tipps über friedvolle Elternschaft. Abmeldung jederzeit möglich. Der Versand erfolgt mit dem US-Dienstleister Mailchimp. Hinweise dazu findest du in der Datenschutzerklärung

Ich hab im letzten Jahr meine Schwiegermutter verloren, ich hab zwei Hunde ganz kurz hintereinander unter tragischen Umständen verloren, ich hab mich von meinem Partner getrennt. Alles Dinge, die Monate zuvor never ever überhaupt denkbar gewesen wären. Es war Verlust nach Verlust, nach Verlust. Wie ein Schlag in die Magengrube nach dem anderen.

Und auch die Pandemie selber war für mich begleitet von einem Gefühl von Verlust. Für mich sind Freiheit und Selbstbestimmung zwei meiner wichtigsten Bedürfnisse. Und so vieles davon war einfach nicht mehr da. Ohne dass ich einen Einfluss darauf hatte.

Was ich daraus mitnehme, ist das, worüber wir hier immer wieder sprechen. Eine neue Passion für meine Arbeit und für das, was wir hier mit dem Kompass tun mach es mir noch deutlicher: Alles ist endlich.

Wir haben keine Ahnung, wie sich Dinge entwickeln werden. Alles, was wir tun können, ist, den Moment zu gestalten, mit den Menschen, die wir lieben.

Alles ist fragil – aus der nietzscheschen Perspektive hieße das: Alles ist scheiße, wir werden sowieso alle sterben, Gott ist tot. Ich kann aber auch anders darauf gucken: Alles ist fragil – das bedeutet, auf dem Moment liegt so viel mehr Bedeutung als auf einer imaginierten Zukunft oder in einer in unserem Gehirn zusammengesetzten Erinnerung.

Dinge jetzt zu tun, so gut ich kann, ist tausendmal mehr wert, als sie irgendwann vielleicht perfekt zu tun, weil ich nicht weiß, ob es ein Irgendwann geben wird.

Das Leben ist fragil – die Dinge, die Beziehungen, das, was wir als Bedingungen ansehen, sind imaginiert und fragil und können jederzeit verschwinden. Auf unsere Beziehungen und die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen in diesem Moment, liegt also die größte Bedeutung und Wichtigkeit. Das sage ich euch immer wieder in Bezug auf unsere Kinder, in Bezug auf unser Miteinander. Nehmen wir diesen Moment und sehen ihn als das Kostbare, was er ist. Auch wenn er nervig ist, auch wenn ich angestrengt bin, aber das ist das Leben, was ich habe. Und das ist der einzige Ort, an dem ich irgendetwas kontrollieren kann.

2. Die kleinen Dinge sind wichtig.

Das zweite, was ich nochmal auf einer ganz tiefen Ebene gelernt habe, ist, wie wichtig die kleinen Dinge sind. Das klingt jetzt beinahe wie eine Plattitüde, ich will dir erklären, was ich damit meine:

Hier in Portugal sind nach halbherzigen Lockdownmaßnahmen im November, die furchtbar schief gegangen sind, weil eine Mutante explodiert ist, sodass wir im Januar die höchste Todesrate auf der Welt hatten und ganz furchtbare Sachen passiert sind, in einem harten Lockdown. Der geht zum Zeitpunkt dieser Aufnahme etwa elf Wochen.

Er bedeutet grob zusammengefasse: Alle sind zuhause, die Schule sind zu, alle, bei denen es möglich ist, müssen von zu Hause aus arbeiten, wer das nicht kann, braucht eine schriftliche Erlaubnis, wir dürfen nicht raus, es gibt Sperrstunden ab 20 Uhr, am Wochenende ab 13 Uhr, wir dürfen einzeln Lebensmittel einkaufen, wir dürfen uns nicht in Parks treffen, wir dürfen uns nicht in Gärten aufhalten, wir dürfen nur mit Kindern, Hunden oder zum Einzelsport kurz in der direkten Umgebung unseres Wohnhauses spazieren gehen und müssen innerhalb der eigenen Gemeinde bleiben.

Dieser harte Lockdown zeigt jetzt Effekte und es gibt erste Lockerungen: Wir dürfen wieder über Gemeindegrenzen rüber. Also habe ich meine Kinder vor ein paar Tagen ins Auto gepackt und wir zu einem MC Donalds DriveIn gefahren, zu dem wir vorher nicht hätten fahren dürfen und haben uns etwas zum Essen geholt.

Jaja, Asche auf mein Haupt, lasst mir in den Kommentaren da, wie asozial das ist, I don’t care, 11 Wochen Lockdown, wir haben uns das definitiv verdient. Mit dem Essen sind wir ans Meer gefahren und dort hat uns die Polizei erlaubt, auf dem Parkplatz zu stehen. Aussteigen ist verboten, ans Meer durften wir also nicht gehen, aber immerhin konnten wir auf dem Parkplatz stehen und das Meer angucken. Wir haben Musik gehört, wir haben uns unterhalten, die Sonne hat warm durchs Fenster geschienen, wir haben die Möwen beim Fliegen beobachtet und mir sind die Tränen gekommen. Weil das alles weg war. All diese kleinen Dinge. Mit den Kindern gemeinsam irgendwo hinfahren, Ausflüge machen, ihrem Geplauder auf der Rückbank zuhören, über das Leben philosophieren, neue Dinge erleben. Als wir da standen, kam eine Möwe, die wir noch nie gesehen hatten, da haben wir erstmal recherchiert, welche Art das ist. Dieser neue Input, der uns total gefehlt hat. Das tat so viel mehr weh als erwartet.

Das kennst du sicher auch aus einem Jahr Pandemie, diese Wichtigkeit, die plötzlich in diesen kleinen Dingen ist, diese Schönheit. Wie unglaublich selbstverständlich ich das genommen habe, Möwen beobachten und das Meer riechen zu können, wie selbstverständlich es für mich war, dass ich mit meinen Kindern irgendwohin fahren, etwas essen, mich mit ihnen unterhalten und Musik im Auto hören kann. All diese kleinen Dinge, die mir sonst überhaupt nicht aufgefallen wären. Wir wohnen direkt am Meer, ich weiß, das klingt jetzt so casual, aber wir wohnen schon ziemlich lange da und dann ist das Meer einfach irgendwann normal. Es war so normalisiert, dass ich vergessen hatte, wie wichtig es ist und das genau dort Beziehung entsteht. Unterwegs. Im Neuen.

Beziehung entsteht eben nicht, wenn ich einmal im Jahr mit meinem Kind in den Urlaub fahre, sondern sie entsteht in 100.000 kleinen Dingen, in der Schönheit einer unschuldigen Kinderfrage oder in einem umgekippten Getränk und unserer Reaktion darauf. Da – in diesem Alltag, in diesen Kleinigkeiten – liegen die Schönheit und das Miteinander. Es gibt da ja diesen Spruch “Dein Alltag ist ihre Kindheit.” und ich glaube, dass muss man ein bisschen ergänzen:

Dein Alltag ist eure Beziehung, ist euer Fundament, ist euer Leben.

Das ist das, was es ausmacht, friedvolle Elternschaft ist ja nichts, was ich am Abend 20 Minuten lang mache, sie ist vielmehr das, was ich sehe, wenn ich mit meinen Kindern was einkaufen gehe oder sie in den Kindergarten bringe oder die Wohnung aufräume.

Die Magie des Miteinanders liegt im scheinbar komplett Banalen.

Und das ist mir auf einer ganz neuen Ebene klar geworden.

3. Selbstannahme verändert alles.

Dann hab ich gelernt, wie unfassbar wichtig es ist, zu 100% ernst zu nehmen, wo ich gerade stehe und das von diesem Punkt alle Beziehungsarbeit ausgeht.

Auch dass ist nicht neu, aber es ist mir auf einer ganz anderen Ebene klar geworden. Zu 100% anzuerkennen, wo ich bin.

Das letzte Jahr war hart, ich war an vielen Stellen komplett am Ende meiner Kräfte. Da waren gute Tage die, an denen ich mich aus dem Bett geschält hatte und das wars. Da war nichts mehr mit meditieren oder Yoga. Super toll auf mich achten bedeutete, dafür zu sorgen, dass ich nicht zusammenklappe vor den Kindern. Dass ich nicht haltlos im Supermarkt anfangen zu weinen (been there, done that). Dass ich daran denke IRGEND ETWAS zu essen, scheiss drauf ob es vegan ist, dafür hatte ich keine Nerven mehr. Danke an die Erfinder*innen der Fertigpizza an der Stelle.

Ja, da stand ich. Ein ziemlich jämmerliches Bild. Aber eben ich.

Ich hab mir therapeutische Hilfe gesucht, durch die ich nochmal vertiefen konnte, zu lernen, mich genau dort anzunehmen, wo ich gerade stehe. Und machmal hab ich mich dabei erwischt, dass ich mich gefragt hab: “Ej, was ist denn mit mir los?” Ich konnte doch immer 15 Sachen gleichzeitig machen, ich hatte doch immer so viel Energie, bin morgens um 6 aufgestanden, hab meditiert, hab Sport gemacht, gearbeitet, mich um meine Kinder gekümmert, nebenbei noch andere Sachen organisiert. Wo ist denn die Energie hin? Was soll denn das?!

Und dann hab ich festgestellt, wie gemein diese Frage ist. In einer Pandemie mit all den Verlusten, die ich erlebt habe, mit all der Traurigkeit, mit all den alten Themen, die hoch kamen und Energie brauchten. Wie gemein das ist, von mir zu verlangen, genauso zu sein, wie ohne diese Themen.

Ich sag es euch immer und immer wieder und ich durfte es nochmal lernen:

Da, wo wir stehen, ist da, wo wir stehen.

Dagegen zu kämpfen, verschwendet nur Energie und bringt nichts außer Scham und Schuldgefühlen, was dazu führt, dass es uns noch schlechter geht und wir noch weniger da stehen, wo wir eigentlich gerne stehen wollen.

Konsequent auf das zu gucken, was ich leisten kann, wie ich den nächsten Schritt machen kann, ist so viel hilfreicher, als mich dafür zu beschämen, dass ich da stehe oder – so wie ich das gemacht habe – mich zu vergleichen.

Ich hab auch mehr gelernt über meine neurodiversen Anlagen und das bestimmte Sachen für mich total leicht sind, die für andere schwer sind und andersrum und was das bedeutet für meinen Alltag, für mein Leben, für das Miteinander.

Ich hab nochmal neu gelernt, mich und meine Art, die Welt zu sehen, meine Geschichte und all das, was zu dem Paket Ruth gehört, anzunehmen.

Ich versuche jetzt lifehacks zu finden, mit mir umzugehen und Lösungen zu finden, anstatt mir zu sagen, eine Situation müsste jetzt eigentlich total einfach sein und ich sollte mich nicht so anstellen. Anstatt damit meine Zeit zu verschwenden, gucke ich, wie ich mich unterstützen kann und was Dinge sind, die mir helfen.

Das hat sofort auf meine Kinder und auf die Beziehung zu meinen Kindern ausgestrahlt. Es hat sofort auf die Beziehung zu allen Menschen, zum Papa meiner Kinder, zu meinen Freund*innen zu meinen Nachbar*innen ausgestrahlt.

Ich kann anders mit anderen umgehen kann, wenn ich mich genau da sein lasse, wo ich bin.

Ein riesiges Missverständnis ist, dass wir denken, wenn wir zum Beispiel friedvollere Eltern werden wollen, dass wir uns verbieten, da zu stehen, wo wir sind. Dass wir uns verändern wollen, uns selbst erziehen, um da weg zu kommen. Damit meine ich nicht, dass wir uns nicht verändern dürfen, natürlich nicht. Wenn wir merken “Oha, da gibt es Probleme. Mein Verhalten passt nicht zu meinen Werten, das ist nicht das, was ich vom Leben will.”, kann ich mir Vorschläge machen, was ich anders machen könnte.

Was hast du gelernt in einem Jahr Pandemie? Welche Sachen wusstest du eigentlich schon, hast sie aber nochmal tiefer erfahren? Und was ist neu in deinem Leben? Ein ganz neuer Gedanke, ein ganz neues Erleben?

Ich bin ganz gespannt darauf, bitte teile es in den Kommentaren. Ich freu mich, von dir zu lesen.