Es gibt eine Idee im Umgang mit Kindern, die von der Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis lebt. Dabei bewertet der*die Erwachsene, ob das Kind ein ‘echtes’ Bedürfnis hat oder ‘nur’ einen Wunsch – und handelt entsprechend.

Warum ich diese Idee für Blödsinn halte und warum ich es trotzdem sinnvoll finde, zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden, erkläre ich mal.

 

Du wünschst dir was, was ich nicht will

 

Das Thema kommt eigentlich nur auf bei Dingen, die wir Eltern nicht wollen. Ist es wichtig, ob das Kind sich wünscht in den Kindergarten zu gehen oder ob es ein echtes Bedürfnis ist? Nö, oder? Hauptsache es geht. Ist es wichtig, ob es sich wünscht die angemessene Kleidung zu tragen oder ob es ein Bedürfnis ist? You see.

Damit haben wir den ersten Hinweis, warum Eltern überhaupt unterscheiden wollen: Um besseren Gewissens Nein sagen zu können.

Das ist schade. Nein sagen ist nämlich nix Schlimmes. Es ist hilfreich für Beziehungen. Es tut gut.

Um Nein sagen zu dürfen, muss ich einer anderen Person die Dringlichkeit ihres Anliegens nicht absprechen. Das ist ein Übergriff – ich schreibe das mal so deutlich. Die Äußerungen einer anderen Person einzuordnen mit dem Ziel, sie nicht ernst nehmen zu wollen, ist sehr, sehr respektlos gegenüber der Innenwelt des anderen.

Wenn ich meinen Partner bitte, mir einen Tee zu kochen – ja, dann ist das ein Wunsch. Und er kann natürlich nein sagen. Würde er aber erstmal überlegen, ob das nun ein echtes Bedürfnis ist, macht er mich zum Objekt. Er wertet Dinge außerhalb seines Bereiches – in meinem Inneren.

 

Warum macht es trotzdem Sinn, Bedürfnisse zu unterscheiden?

 

Weil es mir nicht um den Tee geht. Wenn mein Partner nein sagt und ich weiß, dass die Idee mit dem Tee eine Strategie war, um mir ein Bedürfnis zu erfüllen, dann kann ich Alternativen finden – und das entlastet unsere Beziehung.

Nochmal langsam.

Hier beim Kompass geht es um Beziehung. Wenn wir also Konflikte haben (was andauernd vorkommt), hilft es, wenn wir Ideen über das Vorgehen vom Gegenüber haben, die uns neugerig halten. Die uns offen machen für Verbindung.

Eine dieser Ideen ist, dass JEDES Verhalten auf erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen beruht. Dafür müssen wir den Begriff des Bedürfnisses auseinandernehmen.

Eine der hilfreichsten Definitionen kommt da von Marshall Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, der auf den traditionellen Bedürfnispyramiden der Psychologie aufbaut.

Er versteht Bedürfnisse als das, was alle Menschen brauchen. Bedürfnisse sind immer universell. Schuhe kaufen ist kein Bedürfnis. Es ist aber eine Strategie – zum Beispiel, um gesund zu sein (Stichwort: Barfußschuhe). Oder um dazuzugehören (Marken funktionieren so). Oder um sich selbst die Wertschätzung zu schenken, mir die Zeit und das Geld zu geben, neue Schuhe kaufen zu können.

Eine Strategie. Viele Bedürfnisse. Schuhe kaufen ist kein Bedürfnis, weil nicht jede*r das hat. Es gibt Menschen, die hassen Schuhe kaufen. Aber niemand hasst Wertschätzung. Oder warme Füße. Oder Gesundheit.

Das also sind Bedürfnisse.

 

Wofür ist es gut, sie herauszufinden?

 

Vor allem, weil man mit ihnen Konflikte lösen kann. Wie wir oben schon bemerkt haben, ist die Frage nach dem Bedürfnis erst präsent, wenn wir im Konflikt sind. Und genau dafür ist die Frage hilfreich.

Denn wenn wir wissen, was wir brauchen, können wir auch andere Strategien finden. Schuhe kaufen ist eine Strategie. Falls wir pleite sind, ist es eine gute Idee, eine andere zu finden. Sollte es um Wertschätzung gehen, können wir uns Wege suchen, die kein Geld benötigen und uns trotzdem zeigen, dass wir wertvoll sind. Zum Beispiel einen geliebten Menschen um eine freundliche Rückmeldung bitten oder einen langen Spaziergang machen. Falls es um etwas anderes ging, helfen diese Strategien aber nicht – also macht es Sinn erstmal zu klären, was wir brauchen.

Diese Idee hilft im Umgang mit Kindern sehr. Sie rückt jedes Verhalten, auch noch so destruktives und unverständliches, in das Licht von nicht erfüllten Bedürfnissen. Das als Unterstellung vorauszusetzen ist schonmal hilfreich für die Beziehung. Es tut gut, wenn wir uns blöd benehmen und andere wissen – wir sind nicht so. Wir brauchen etwas.

Außerdem kann das helfen, wenn wir in Konflikte geraten. Solange wir ja sagen können, ist es egal, ob ein Kind einen Wunsch hat oder ob es mehr als das ist – wie oben ausgeführt halte ich es für übergriffig, diese Unterscheidung anzudenken.

Aber sobald etwas wirkich nicht geht, können wir uns und dem Kind helfen, indem wir über Bedürfnisse reden und versuchen, sie zu erfüllen. Für das dritte Eis ist kein Geld mehr da? Vielleicht geht es um Essen (ein wahnsinnig unterschätztes Grundbedürfnis, das den friedlichsten Menschen zur Furie macht, wenn es nicht erfüllt ist!) – dann braucht das Kind schlicht Nahrung. Vielleicht geht es aber darum, gesehen zu werden. Dann kann ein Spiel helfen. Oder zuhören und da sein und den Frust begleiten. Vielleicht geht es aber um Wertschätzung – dann hilft es, wenn wir uns ehrlich fragen, warum unser Kind unsere Aufmerksamkeit mit ‘quängeln’ sucht und was sein Bedürfnis auf andere Weise treffen können.

Aber Achtung.

Wenn wir Bedürfnisse bei anderen erraten, tun wir genau das: Wir raten. Schon die Idee, dass Verhalten nicht vom Himmel fällt und unser ernsthaftes Bemühen um Verständnis ist oft das Wertvolle. Nicht alles können wir immer verstehen. Das ist in Ordnung. So viele Erwachsene scheitern daran, Worte für ihr eigenes Befinden zu finden. Und unsere Kinder haben noch ein ganzes Leben, um das zu lernen. Lasst uns Vorbilder dafür sein.

 

 

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