„Wenn mein Kind weint, kann ich das nicht aushalten. Ich denke dann, ich bin eine schlechte Mutter“ – die Mama lacht verlegen. Es ist ihr peinlich. Wir nicken. Wir wissen, was sie meint.

In meinem Gruppencoaching sprechen wir immer wieder über diesen einen Punkt: welche Gedanken uns daran hindern, Verhalten liebevoll und lösungsorientiert anzusehen. Das ist oft nicht einfach. Die Gedanken sind versteckt. Sie sind peinlich. Sie sind schmerzhaft. Meine tapferen Coachees stellen sich dem. Ich bewundere sie dafür.

Und dieser eine Gedanke, der kommt immer wieder auf: Ich bin eine schlechte Mutter, wenn mein Kind wütend ist. Ich bin ein schlechter Papa, wenn mein Kind vor dem TV sitzt.

 

Warum aber ist das ein Problem?

 

 

 

 

Erstens: Der Gedanke hindert jeden positiven Ansatz

 

 

Mir war unfassbar schlecht. Meine Tochter schrie noch ein bisschen lauter: „Maaaaaama, nun komm doch!“ – ich versuchte mich aufzurichten, aber alles drehte sich. „Gleich!“ rief ich zurück. „Jetzt warte doch mal fünf Minuten! Verdammt nochmal!“. Ich rufe lauter als ich wollte. Ich muss wieder kotzen. Meine Tochter fängt an zu weinen. Ich höre sie leise schluchzen. Fuck.

 

Und dann kommt die Schuld. Meine arme Tochter konnte ja nix dafür, dass ich schwanger war und allein und müde und scheiße drauf. Ich war einfach eine beschissene Mutter.

 

 

Als ich mit meinem dritten Kind schwanger war, brach um mich herum die Welt zusammen. Es ging mir schlecht. Ich mag nicht ins Detail gehen, aber ich sags mal so: Das Leben trat mir volle Kanne auf die Füße. Aua.

Und meine Kinder litten. Natürlich. Wenn es den Eltern nicht gut geht, kann es den Kindern nicht gut geht. So simpel und so brutal ist es. Und ich wusste das. Ich sah, dass sie Angst hatten, wenn ich mal wieder kotzend über der Schüssel hing. Wenn ich weinte. Wenn ich verzweifelt versuchte, mir Hilfe zu holen. Wenn ich mit meinem Mann stritt.

Das war beschissen. Und ich wusste das.

 

 

Sobald aber die Idee in meinem Kopf aufkam, dass ich eine schlechte Mutter sei – weil das Leben so war, wie es war, weil meine Schwangerschaft hart war, weil ich nicht tough war, was auch immer – verfiel ich in Lähmung. Nichts anderes wollte mehr in meinen Kopf. Keine Ideen. Keine Kreativität.

Die Idee, dass das, was ist, uns sagen darf, wer wir sind, zerstört jeden kreativen Ansatz, mit dem Leben umzugehen.

 

 

Zweitens: Es tut weh

 

Und das ist der Grund: Unser Gehirn ist damit beschäftigt, Schmerz abzuwehren. Es geht um Schuld und Angst und lauter so Sachen. Es tut weh. Es ist am Ende Erziehung: Wir haben eine Idee, wie wir sein sollten und tun uns weh, wenn wir es nicht sind.

 

Und genau so sinnlos wie das bei kleinen Menschen ist, ist es das auch bei großen Menschen.

 

 

Drittens: Das Kind bekommt die Verantwortung

 

Das ist das besonders Doofe daran. Unter dem Deckmantel der Selbstkritik bekommt das Kind unser Wohlergehen in die Hand. Wenn es weniger fernsehen würde, wären wir bessere Eltern. Wenn es höflicher wäre, wären wir bessere Eltern. Wenn es mehr so wäre wie andere es haben wollen wären wir fein raus.

Das ist nicht nur falsch, es ist auch fatal. Es ignoriert, dass unsere Kinder Menschen sind. Mit einem Selbst, das unabhängig von uns funktioniert. Dass sie Gründe haben für ihr Verhalten. Und dass es unsere Verantwortung ist zu schauen warum sie tun, was sie tun. Ob sie uns brauchen.

 

Und es macht sie verantwortlich dafür, dass es uns besser geht. Denn wäre unser Kind nicht so, müssten wir uns nicht schlecht fühlen. Das Verhalten unseres Kindes löst unsere Gefühle aus. Und wenn wir nicht aufpassen und das bewusst bekommen (trotz des Schmerzes), kommt der Umkehrschluss: Wärst du nicht so, ginge es mir gut. Hör auf mit dem Verhalten damit es mir besser geht. Ein kleines Kind bekommt die Verantwortung für das Wohlergehen eines großen Menschen.

Das alles ist leise. Wir bemerken es nur selten. Oft liegt diese Idee hinter Wut oder Scham. Verbirgt sich unter Allgemeinplätzen (‘aber das Kind muss doch mal lernen, dass…’). Aufspüren lässt sie sich erst mit ganz viel Ehrlichkeit.

 

 

Und nun? Was tun?

 

  1. Was tust du (idealerweise), wenn dein Kind sich blöd verhält? Du bist da. Du tröstest es. Du schaust, ob du herausfinden kannst, was los ist.

    Das darf auch für dich gelten. Das darf genau genommen für alle gelten. Jedes Verhalten hat einen Grund. Der rechtfertigt nicht das Verhalten – aber er kann es nachhaltig verändern, wenn er verstanden und angenommen wird. Schau hin: Was brauchst du?

  2. Schmeiß Schuld raus. Das Konzept verhindert (!) moralisch korrektes Verhalten, weil es das Hirn in Schmerzstarre hält und nicht konstruktiv ist. Lass es einfach.

 

Auf geht’s. Für uns. Und unsere Kinder.

In meinem Online-Kurs kannst du dich mit deiner Wut endlich anfreunden. Und ganz aktuell ist Der Kompass – die Elternakademie, dort kannst du eine Welt jenseits von Machtkämpfen und Grenzen, Regeln und Angst kennenlernen.

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