So ist das ja oft mit Modeworten – irgendwann verlieren sie ihre Schärfe. Ihren Charakter. Sie werden so weit gespannt, dass ihre Semantik beliebig verläuft.

„Beziehung“ hat dieses Schicksal auch getroffen.

Beziehung, was ist das?

Beziehung ist jede Form der gerichteten sozialen Interaktion. Beim Bäcker ein Brötchen bestellen, ist Beziehung. Zusammen mit einer Horde vermummter Menschen Autos anzünden beim G20-Gipfel, ist Beziehung.

Es ist das Herstellen eines kommunikativen Raumes, eines Austausches.

Wenn wir also danach rufen, dass Beziehung Erziehung ersetzen soll, was meinen wir denn dann?

Genau wie beim allgemeinen Beziehungsbegriff geht es bei einem qualitätsvollen Beziehungsbegriff meines Erachtens um eine Richtung – es soll gerichtet kommuniziert werden. Nur liegt bei dem Beziehungsbegriff, den ich vorschlagen will, die Richtung quasi quer zum bisher gedachten: In der Qualität der Interaktion selber. Genauer: In ihrer Ausrichtung an unseren Werten.

Das Ziel der Konversation darf nicht mehr sein, Menschen zu etwas zu bringen. Genau wie in erwachsenen Beziehungen muss ein neuer Beziehungsbegriff beinhalten, dass wir die in der Art der interaktion enthaltenen Werte als Maßgabe des Gelingens nehmen. Nicht den Erfolg.

Zu deutsch: Wenn du dein Kind zwingst, seine Schuhe anzuziehen, hast du erreicht, dass es die Schuhe anzieht. Gleichzeitig hast du aber auch erreicht, dass eure Beziehung belastet und das Selbstvertrauen angeknackst ist (Gehorsam tut das). Und euer beider unstillbares Verlangen nach Verbindung (wie bei allen Menschen) ist auch nicht erfüllt.

Schade, oder?

Hilfreicher ist es, dass zu tun, was wir bei Erwachsenen schon eher zu tun bereit sind: Unsere Werte als Richtschnur geben. Ich will zeigen, dass Machtmissbrauch scheiße ist? Dann sollte ich meine (körperliche) Macht nicht nutzen, um das Kind in Schuhe zu zwingen. Ich will zeigen, dass friedliche Lösungen wichtig sind? Dann sollte ich welche anbringen. Ich will zeigen, dass mein Kind allein über seinen*ihren Körper bestimmen darf? Dann sollte ich es das auch tun lassen.

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Unser Beziehungsbegriff ist also mehr als Interaktion plus Richtung. Er ist Interaktion plus INNERE Richtung.

Eine andere Art und Weise diese Art von Beziehung zu beschreiben, ist die Frage, wer mein Kind gerade für mich ist.

Ob unser Gegenüber ein Subjekt mit einem Recht auf eigene Gefühle, Gedanken und mit eigener Würde ist, ist in Eltern-Kind-Beziehungen unsere Verantwortung. Sprechen wir darüber, dass wir Erziehung zugunsten von Beziehung sein lassen wollen, muss an ihre Stelle also die Bereitschaft kommen, meine Kinder als eigenständige, kommunikative und letzten Endes nie ganz durchschaubare eigen-artige Wesen zu verstehen.

Beziehung ist also die Gestaltung dieses Raumes.

Wie aber? Was kann helfen, einen solchen Raum zu gestalten, wenn wir es doch allzu gewohnt sind, kleinen Menschen ihre Fähigkeiten und Rechte zugunsten von Funktionalität abzusprechen?

Ich habe da drei Vorschläge:

1. Verletzlichkeit

Darüber habe ich schon geschrieben. Uns zu zeigen mit allem, was uns bewegt, ist die Voraussetzung dafür, dass wir zufriedene und glückliche Leben führen können. Unsere Kinder können das von Natur aus. Kannst du diese Fähigkeit wiederentdecken?

2. Empathie

Die Fähigkeit, uns in die Perspektive anderer hineinzuversetzen, zeichnet uns als Menschen aus. Empathie tötet Gewalt, weil sie eines der wichtigsten Bedürfnisse von Menschen befriedigt, die nun nicht mehr destruktiv befriedigt werden müssen: Verbindung. Uns empathisch reinzufühlen, ist oft der Beginn wunderbarer neuer Lösungsstrategien.

3. Das Bewusstsein über Macht

In unseren Köpfen ist Macht häufig ein Problem – dabei ist das Bewusstsein über ihre Allgegenwärtigkeit eines der wichtigen Korrektive im Alltag mit Kindern. Unsere Kinder sind uns ausgeliefert. Unser Wissen, unsere körperliche Überlegenheit, die Tatsache, dass wir alle Ressourcen kontrollieren und ihren Zugang regulieren, ja, dass ihr Leben in unserer Hand liegt, das speist uns mit einer Macht, die einmalig ist in zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor allem der Aspekt, dass Kinder über lange Zeit keine Möglichkeit haben sich (innerlich) zu distanzieren und unsere Handlungen kritisch zu betrachten, liefert sie uns auf einer tiefen Ebene aus.

Wir tun gut daran, das zu erinnern und unsere Macht nur dann einzusetzen, wenn wir wirklich gute Gründe haben. Das zu lernen, ist die Kunst (dafür habe ich übrigens die Weggefährt*innen gegründet).