ACHTUNG!! Namensänderung. Aus Unerzogen Leben wird ab sofort Der Kompass. info@derkompass.org

Ein kleiner Junge im Alter von etwa 4 Jahren verändert sich nach einem schweren Ereignis. Das glückliche Kind verstummt. Gefühle zeigt er nicht. Er scheint in seiner eigenen Welt zu leben. Er meidet Blickkontakt, redet kaum und ist sehr zurückgezogen. Veränderungen werfen ihn aus der Bahn. Seine Umgebung erzählt seiner Mutter, dass der Junge Autismus haben könnte. Sie solle das abklären. Die Mutter verweigert das.

Dieser kleine Junge ist jetzt 27 Jahre alt, nicht autistisch und topfit… Außer die Psyche, die ist ein bisschen angeknackst. Danke Mama, dass du mich nicht in den Diagnose-Marathon getrieben hast.

Stöbere ich heute durch Internet-Foren oder schaue durch meine Nachrichten oder E-Mails, so sehe ich viele Menschen, die erzählen, dass ihre Kinder noch nicht sitzen können, krabbeln oder laufen, dass sie auffällig sind, nicht still sitzen oder Dinge gerne farblich sortieren. Diese Auffälligkeiten werden dann in eine Frage verpackt, was das Kind denn haben könnte, wohin die Eltern sich wenden könnten. Oft sitze ich da und seufze tief. Ich denke darüber nach, dass jedes Kind individuell ist und doch ein eigenes Tempo zum lernen und entwickeln hat. Ich frage mich, wie es Inklusion geben kann, wenn gesunde, nur etwas langsamere Kinder mit Diagnosen gestempelt werden.

 

Diagnosen und Therapien

 

Die Idee der Diagnose ist der Gedanke, dass etwas nicht “normal” ist, nicht der Norm entspricht, nicht der Mehrheit entspricht. Dieses „nicht normale” sollte also so “normal” wie möglich gemacht werden. Dies macht man heutzutage mit Therapien wie Ergotherapie, Logopädie,Physiotherapie und so weiter. Wenn das Kind diese Therapien mitmacht und wenn dabei wirklich auf das geschaut wird, was das Kind braucht, also nicht wir Erwachsenen die Ziele festlegen, weil Gleichaltrige das schon können und unser Kind nicht, dann ist das eine tolle Sache. Es muss Spaß machen und das Kind ist nicht schlechter, nur weil es zu Therapien geht. Auch empfinde ich Therapien, die nur auf das Verhalten schauen als sehr fragwürdig. Hintergründe sollten ermittelt, beleuchtet und erklärt werden.

Ich bin kein Gegner von Therapien, auch wenn das jetzt so rüber kommt. Ich habe mich zwangsweise sehr intensiv damit beschäftigt und auch auf meiner Seite dazu geschrieben.

 

Diagnose-Marathon bei meinem Zwerg

 

Mein Zwerg war 2 Monate alt, da begann seine Krankheitsgeschichte. Die Suche begann nach der Ursache für seine schweren epileptischen Anfälle, dem West-Syndrom mit BNS-Anfällen. Neben der Suche nach der Ursache, die uns auch zeigen würde, wie hoch die Chance ist, dass wir die Anfälle loswerden, probierten die Ärzte das EEG zu verbessern. Cortison wurde gegeben, später noch ein anderes Medikament dazu. Es wurde tatsächlich etwas besser. Doch das EEG war nie wirklich sauber.

Die Diagnose war wichtig für uns. Sie war medizinisch relevant. Die Anfälle und die Medikamente veränderten sich. Wir fuhren in ein Epilepsiezentrum und bekamen eine Diagnose, eine Schädigung aufgrund von Sauerstoffmangel.

Was für ein Schlag! Mit einem Ruck reißt dir jemand den Boden unter den Füßen weg und du fällst, fällst und keiner kann dich halten…

Wir mussten lernen damit umzugehen und in diesem Fall war die Schädigung des Gehirns ein Schlag, aber entpuppte sich auch als Möglichkeit, die Anfälle loszuwerden. Im Oktober 2016 wurde mein Kind operiert und es wurde Gewebe aus dem Gehirn entfernt, welches schwer geschädigt war. Seit dem 06.11.2016 ist er frei von Anfällen. Die Baustellen, wie die Verzögerung in der Entwicklung und die Spastik sind geblieben und werden ihn immer begleiten, aber das ändert nichts an der Liebe zu meinem Kind.

 

Was kommt danach?

 

Ein Kind mit einer Behinderung ist genau so normal wie alle anderen Kinder auch. Es bleibt das eigene Kind und eigentlich, ja, was verändert sich?

Natürlich, zunächst verändert sich der Blick der Gesellschaft, der Menschen in der Umgebung auf das Kind, aber es ist trotzdem immer noch genau das Kind, das in die Familie geboren wurde. Weiter gibt es plötzlich Hilfe für das Kind. Therapien, die es wahrnehmen kann, wenn es das möchte. Unterstützung im Kindergarten oder in der Schule. Das kann manchmal echt die Rettung sein, muss aber trotzdem nicht heißen, dass das Kind das Problem ist.

 

Wann geht es ohne Diagnose und/oder Therapie?

 

Eine Diagnose ist nicht immer zwingend notwendig und nicht jedes auffällige Verhalten ist krankhaft. Eltern sollten spezifische Probleme anschauen und für diese Lösungen finden. Kinder sind selten das Problem. Oft ist es die Umgebung, etwas, das im Kindergarten vorgefallen ist, in der Schule oder außerhalb des Hauses. Vielleicht auch Schwingungen, wenn es in der Partnerschaft kriselt. Die Kleinen sind so sensibel. Sie spiegeln uns ganz genau, auch wenn wir das manchmal nicht glauben möchten.

Wir sollten bei auffälligem Verhalten also immer erst schauen, was in der Umgebung nicht stimmen könnte und Probleme einzeln beleuchten. Ist es aber medizinisch relevant, so wie bei uns, bei meinem Kind, dann ist es wichtig eine Diagnose zu erhalten. Wir sollten schauen, ob eine Therapie wirklich notwendig ist und ob wir unser Kind fördern müssen oder ob es einfach etwas mehr Zeit braucht und wir die Umgebung für es anpassen sollten, damit es alles versteht und sich in seinem Rahmen entwickeln kann, ohne dass wir therapeutisch mitwirken. Letzteres ist optimal. Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo, jedes für sich.

Und Unerzogen?

 

Unerzogen geht immer, weil Unerzogen nicht unterscheidet zwischen “normal” und “unnormal”, sondern Unerzogen eine Haltung ist, die wir wunderbar auf alle Menschen anwenden können. Unerzogen kann Struktur sein, kann enge Anleitung sein, kann alles sein, außer Erziehung. Wichtig dabei ist, dass alle sich wohlfühlen und es im Sinne des Kindes stattfindet, damit dies sich frei entfalten kann.

Eine Diagnose ändert nichts daran, wie du mit deinem Kind im Kontext von Unerzogen lebst. Wie ich oben schreibe ist es und bleibt es dein Kind. Es kann durch dich unterstützt werden und lernen, auch wenn du, oder gerade weil du nicht erziehst.

 

Über den Autor:

Ich bin Steven, 27 Jahre alt und habe eine Ausbildung zum Erzieher absolviert. Den Begriff an sich mag ich eigentlich überhaupt nicht, aber die Arbeit bereitet mir Freude, weil ich gerne auf Augenhöhe mit Kindern arbeite. Aktuell studiere ich noch soziale Arbeit und hoffe, dass sich für mich dadurch weitere Möglichkeiten zum Arbeiten eröffnen.

Mein Sohn ist 2013 geboren und ich habe durch ihn sehr viel lernen dürfen.

Immer wichtiger wurde für mich, mich besser kennen zu lernen, meine Vergangenheit kennen zu lernen und damit abschließen zu können. Es annehmen zu können.

Der Weg ohne Erziehung hat mich da hinein gebracht und ich habe angefangen sehr viel zu reflektieren. Ich lerne und lerne und lerne und das ganze Leben ist dafür bestimmt zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Ich bin ein sehr offener Mensch und finde gerade meinen Weg in mein Leben ganz neu. Auf meiner Seite findet ihr meine Gedanken zum Thema Leben ohne Erziehung.

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