ACHTUNG!! Namensänderung. Aus Unerzogen Leben wird ab sofort Der Kompass. info@derkompass.org

Ach, Elternapparat. Du verflixtes Logiksystem in meinem Schädel. Da sitzen wir gemütlich in einem Boot, das über die Schwentine (Fluss, der in die Kieler Förde mündet) schippert. Es könnte nichts schöner sein. Bis meine Tochter anmerkt: Ich habe Hunger.

Na toll. Wasser habe ich ja mit. Habe mir gedacht, für eine Stunde Schifffahrt musst du ja nicht gleich wieder etwas zu Essen mitschleppen. Falsch gedacht.

Ich antworte: Ich habe aber nichts mit.

Sie sagt: Ich habe aber Hunger.

Ich sage: Soll ich jetzt hier etwas herzaubern oder was? Wo soll ich denn jetzt was hernehmen?

Ach Elternapparat.

 

Was ist das überhaupt?

 

Der Elternapparat sind Floskeln und Antworten, die in unserem Kopf gespeichert sind und die wir wahrscheinlich einfach von unseren eigenen Eltern übernommen haben. Unpersönliche Sätze, die meist die Gefühle unseres Kindes verneinen oder zumindest ignorieren. Dazu gehören Aussprüche, wie: Das hast du fein gemacht. Oder: Das macht man nicht. Oder: Ist doch alles gar nicht so schlimm.

Ich habe bei mir beobachtet, dass ich meist zu solchen kommunikativen Lösungen greife, wenn ich Angst davor habe, die Kontrolle zu verlieren. Wenn ich fürchte, dass mich eine Situation überfordern könnte, emotional oder handlungstechnisch. Dann kommt es schon mal vor, dass ich nicht die Verantwortung für meine Überforderung übernehme, sondern meinem Kind die Schuld daran gebe, dass ich ratlos bin. Wie in meinem erwähnten Beispiel. Natürlich hätte es meine Tochter gefreut, wenn ich einen Apfel oder sonstwas gezückt hätte. Aber sie hat nie behauptet, dass ich jetzt für sie die Situation lösen soll. Sie hat ehrlich ein Bedürfnis geäußert. Mit meiner Antwort habe ich dieses Bedürfnis nicht nur ignoriert, sondern vollständig abgelehnt. Meine Tochter muss das Gefühl bekommen haben, dass ihr Bedürfnis falsch ist, oder sie es zumindest nicht äußern sollte, wenn sie möchte, dass es uns gut geht. Denn sie hat ja wohl die schöne Stimmung mit ihrer Bemerkung vollständig zerstört. Das und nichts anderes habe ich ihr mitgeteilt. Überhaupt stellt sich bei nüchterner Betrachtung die Frage, was ich ihr eigentlich mit meinen Worten sagen wollte.

Um mir der Unsinnigkeit meiner Reaktion bewusst zu werden, musste ich freilich erst einmal in mich hineinschauen, was eigentlich in mir vorgeht. Meine Überforderung fühlen. Diese Überforderung von meinem Kind trennen. Das gelingt nicht immer.

Es gab auch Momente, da habe ich andere Taktiken angewandt, die jedoch genauso falsch waren wie meine erwähnten Worte. Zum Beispiel Ablenkung:

„Mhm, ja. Schau mal die Schwäne.“

Ablenkungen suggerieren letztendlich nur, dass kein Platz für die Bedürfnisse und Gefühle meines Kindes ist.

„Warum hast du denn jetzt schon wieder Hunger? Wir haben doch erst Mittag gegessen.“

Auch dieses In-Frage-Stellen ihres Gefühls lässt ihr keinen Raum und lässt sie glauben, dass etwas falsch an ihr ist.

Es gibt noch tausend Arten, wie in diesem Geiste auf ein Kind reagiert werden kann. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind unpersönlich und destruktiv. Wenn ich es mir überlege, so fällt mir auf, dass ich zum Beispiel mit einem guten Freund nie so reden würde.

„Darf ich mal deine Toilette benutzen?“
„Warum musst du schon wieder pinkeln? Bist du nicht zuhause gegangen? Wir sind doch gleich im Club, da kannst du in Ruhe gehen. So schlimm kannst du ja noch nicht müssen.“

Man stelle sich den Blick des guten Freundes vor, wenn ich ihm diese Antworten entgegen schleudere.

 

Was stattdessen?

 

Ich möchte meiner Tochter persönlich begegnen. Ich will auf ihre Gefühle und Bedürfnisse wertschätzend eingehen und ihr so zeigen: Ich höre dir zu und sehe dich. Ich möchte mich davon befreien, zu denken, ich müsse sie immer sofort glücklich machen. Das verlangt sie gar nicht und trägt auch nichts zu einer guten und liebevollen Beziehung bei.

Ich hätte antworten können:
Echt, knurrt dein Magen? Ich habe jetzt leider gar nichts dabei. Das ist ärgerlich nicht wahr? Ich kenne das auch, manchmal habe ich furchtbaren Durst und habe nichts dabei. Was würdest du denn gern essen, wenn wir wieder zuhause sind?

Es ist beeindruckend, wie die Anspannung so meist abfällt und sich ein echtes Gespräch in persönlicher Kommunikation entspinnt. Das genieße ich so sehr. Manchmal bedeutet das auch, so gut wie gar nichts zu sagen. Mein Kind gibt es mir eigentlich vor. Ich muss nur gut zuhören.

Shalom,

Euer Mathias von www.in-den-brunnen.de

Über mich: Ich bin Mathias und wohne zurzeit in Kiel. Ich habe zwei wunderbare Töchter und eine großartige Frau, mit denen ich bald auf eine lange Reise durch Spanien gehen möchte.
Auf meinem Blog beschäftige ich mich wöchentlich mit den Themen Kommunikation und Beziehung in einer jungen Familie, sowie mit Märchen- und Traumsymbolen. Außerdem findet ihr mich natürlich auch auf Facebook, wo ich fast täglich einen kleinen Impuls poste. Ich lade euch herzlich ein, vorbeizukommen und in den Brunnen zu tauchen, um einen neuen Zugang zu unserer Seele zu finden. Ich freue mich auf euch!

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